Euphrat & Tigris

Bitte rücken Sie Ihre Erwartungshaltung zurecht: Diese Text enthält keinerlei Regelnacherzählung, nennen wir ihn also eher Spielerlebnisbericht als Rezension. Ich setze das Spiel als bekannt voraus, wer sich nicht mehr erinnert, kann sie hier nachlesen. Diese Rezension basiert auf nur einer Partie in diesem Jahrzehnt. Es ist dennoch bei weitem nicht die einzige Partie, die ich mit diesem Spiel absolviert habe, aber die anderen fanden vor ziemlich vielen Jahren statt. Beim letzten Apfelbäumchenabend kam der Wunsch nach einer Partie Euphrat & Tigris auf. Dieser Bericht schildert unsere Begegnung mit dem Siegerspiel des Deutschen Spielepreises 1998.

Zwei Mitspieler sinnierten darüber, dass man eigentlich mal wieder Euphrat & Tigris spielen könne. Die anderen Spieler wandten sich eher den Neuheiten zu. Und so kam es, dass ausgerechnet eine Partie des Spiels, das gewünscht wurde mit den Worten “zuhause kann ich das nicht spielen, weil Frauen es nicht mögen”, bei diesem Spieleabend just durch eine Frau als dritten Spieler zustande kam.

Bild von Euphrat und Tigris
Eigentlich hatten wir alle drei schon Euphrat & Tigris gespielt – aber es war denn doch verdammt lange her. Dank der Informationen in den Sichtschirmen und gegenseitigem Zuwerfen von Regeldetails, an die sich mal der eine, mal der andere erinnerte, ging es dann ganz gut. Dass die verschiedenen Anführer unterschiedliche Funktionen haben – der schwarze kann Klötzchen erhalten, auch wenn andersfarbige Plättchen angelegt werden, der grüne ist nötig, um die Jokersteine einzusammeln – mussten wir uns am mühseligsten rekonstruieren. Würde womöglich heutzutage bei allen schwarzen Steinen ein Krönchen hinzugemalt und bei den grünen irgendein Hinweis auf die Joker? Mutig nahmen wir auch die Zikkurat-Erweiterung aus der spielbox (für die Pegasus-Neuauflage von 2007) hinzu – bloß um nach der Partie festzustellen, dass niemand von uns noch an sie gedacht hatte.

Während der Partie schwammen unterschiedliche Erinnerungen durch unsere Köpfe. Die Aktion mit dem Austauschen der Plättchen – da war doch was: Richtig, man kann damit Druck machen. Wer vorne liegt, tauscht gerne aus, um die Partie zu einem früheren Ende zu bringen. Und da einem das Glück beim Nachziehen der Plättchen nicht wirklich immer hold ist, kann ein Tausch auch mal neue Optionen bieten.

Immer noch erste Regel bei Euphrat & Tigris: Nicht frusten lassen! Innere und äußere Konflikte schwappen übers Land. Die Emotionen können hochkochen, wenn doch eine Verteidigung gelingt, oder ein Angriff mit einer überwältigenden Übermacht einfach nicht abgewehrt werden kann. In einem Konflikt zwischen zwei roten Anführern verlor ein Spieler im unterlegenen Reich nicht nur einen Haufen Tempelplättchen – er musste auch auf einen Schlag alle Anführer nach Hause nehmen, da ihnen die angrenzenden Tempel abhanden kamen! Klar, ein absoluter Experte hätte dem sicher durch bessere Verteilung vorgebeugt, aber wir spielten ja alle unter gleichen Voraussetzungen.

Immer noch empfinde ich den von Reiner Knizia etablierten Mechanismus “die meisten vom wenigsten haben” für überragend gut gelungen. Mit Euphrat & Tigris wurde ich zu Beginn unserer Spielerlaufbahn nie so recht warm. Vielleicht weil ich die Aggression im Spiel schwer einzustecken empfand. In unserer Wiederspielpartie ging es ebenfalls gut zur Sache. Niemandem wurde etwas geschenkt, und keinerlei Rücksicht auf Befindlichkeiten genommen. Doch die Atmosphäre am Tisch war – so wie wir es glücklicherweise von unseren Apfelbäumchenspielen durchgehend so gewohnt sind! – stets locker und freundlich. Hierdurch stieg die Spannung gegen Ende merklich. Wer führt das Spielende herbei? Gerne wäre ich es – aber: Komme ich noch einmal an die Reihe? Reichen die bisher gesammelten Siegpunkte? Wie schaffe ich es noch schnell, mit meinen womöglich letzten zwei Aktionen meine schwächste Farbe auszubauen? Um eine bestimmte Farbe zu stärken, ist nicht unbedingt ein Plättchen dieser Farbe nötig. Womöglich reicht es auch, den Anführer dieser Farbe günstig einzusetzen und durch Verbindung zweier Reiche einen äußeren Konflikt so auszulösen, dass die Chancen allein durch die ausliegenden Plättchen günstig sind. Hatte ich dabei schon erwähnt, dass dies ein klassisches “wenn zwei sich streiten, freut sich der dritte”-Szenario war?!

Nach der Partie – die übrigens mit 8, 9 und 10 Punkten zumindest nahe beieinander liegende Ergebnisse einbrachte – waren wir uns jedenfalls einig: Klassiker spielen ist klasse. Das sollten wir bald wiederholen!

P.S.: Bei der kurzen Internetrecherche zu Euphrat & Tigris stieß ich bei Luding übrigens auf folgenden Link: Euphrat & Tigris in den vermutlich längst vergessenen alten Jury-Rezensionen. Vielleicht nicht unbedingt das naheliegende Musterbeispiel für Neuer Spiele-Journalismus im Internet?.

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3 Kommentare to “Euphrat & Tigris”

  1. Wolfgang

    Hallo Kathrin,
    den ehemaligen SdJ-Juror Helmut Wresnik hab’ ich noch nicht vergessen. Seine knappe “Rezension” passt ins Bild. Er hat mir mal ausführlichst erklärt, das Friedmann Frieses Frischfisch nicht wirklich funktioniert, weil derjenige immer gewinnen kann, der das Spiel beginnt. Ich hab’s damals nicht so wirklich nachvollziehen könnnen, aber der Mann war – glaube ich – Professor für Geometrie und hat mir das topologisch ganz genau auseinander gesetzt. Ich war nur nicht ganz in der Lage zu folgen …

    Auf jeden Fall spürt man in seinem Text über E&T heftig Emotionen.

    Gruß

    Wolfgang

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    • Kathrin

      Da hast du recht. Danke für den Hinweis. Das kommt vor, wenn man nach Jahren ein Spiel wieder hervorholt und die Regeln nicht vorbereitet, sondern gemeinsam im Schnelldurchlauf durchgeht. Bei Augsburg 1520 (was ich immer noch super finde) hatten wir beispielsweise vergessen, dass man mit einer Rats-Aktion ganz regulär Kirche bzw. Kathedrale bauen darf – der Baumeister ist nur optional und erlaubt den Bau zusätzlich zu anderen Aktionen. Mit der falschen Regel von uns wird es extrem hart…

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