Stone Age

Erstveröffentlichung am 01.06.2008 bei Hall9000.
>>Direkt zum Postscriptum springen.

Damals, in der guten alten Zeit – damals gab es auch schon Gummistiefel. Doch schon damals dachte man wehmütig an die längst vergangene Zeit zurück, als diese noch aus Holz waren. Noch lange davor war alles aus Stein. Deshalb wähnte man sich damals in der Steinzeit. Doch schon damals gab es Anglizismen, und die modernen Neandertaler nannten sich lieber Neandereuros und wähnten sich im Stone Age.

Wer jetzt an aufregende Jagden, Stammesfehden und Vulkanausbrüche denkt, wird von Stone Age enttäuscht werden. Denn schon damals galt es zu wirtschaften, sich zu entwickeln und dabei nicht zu verhungern. Sieger wird nicht der Spieler mit der dicksten Keule, sondern der fortschrittlichste, der die meisten Räder erfindet.

Die Spieler sind Anführer kleiner Steinzeitgroßfamilien, die sich vorgenommen haben, mehr aus sich zu machen. Zu Beginn zählt der Clan nur fünf Mitglieder, denen es reihum verschiedene Aufgaben zuzuweisen gilt. Beispielsweise können sie zum Holz sammeln, Steine klopfen, Gold waschen oder Ziegel brennen geschickt werden. Mit den so erworbenen Rohstoffen können weitere Angehörige Hütten bauen oder Zivilisationskarten erwerben. Schließlich kann man auch Ackerbau betreiben, ein Werkzeug herstellen oder sich zur Vermehrung ins Liebesnest zurück ziehen. Zu Letzterem sind verständlicherweise immer zwei Personen notwendig. Nun legte man auch schon damals Wert auf eine gewisse Privatsphäre. Deshalb darf immer nur eine Familie Spaß beim Spiel haben und Nachwuchs zeugen. Aber auch auf den anderen Feldern wird es eng. Während für die Rohstoffe jeweils sieben Arbeitsplätze frei sind, können die anderen Aktivitäten nur einmal genutzt werden. Nur jagen können beliebig viele Steinzeitgenossen gleichzeitig.

Sind schließlich die Figuren aller Spieler eingesetzt, beginnt eine zweite Phase. In dieser nimmt man seine Leute wieder zu sich und erntet zugleich die Früchte ihrer Arbeit. Für jeden Arbeiter auf einem Rohstofffeld wird gewürfelt. Im Wald gibt es für drei Würfelaugen ein Holz, Lehm kostet schon vier, Steine fünf und für Gold braucht man sechs Punkte. Deshalb sollte man lieber in Gruppen Gold schürfen. Auch sind jetzt die Werkzeuge nützlich, denn mit ihnen können zu niedrige Würfelergebnisse aufgewertet werden. Zivilisationskarten kosten hingegen einen bis vier Rohstoffe. Sie bringen dafür allerlei Vorteile und wichtige Siegräder. Hüttenbauer setzen schließlich Rohstoffe in Siegräder um. Über die beiden Turteltäubchen in der Hütte mit der roten Laterne breitet sich dezent das Mäntelchen des Schweigens aus. Nur das Klappern des Storches deutet auf den Nutzen ihres Treibens hin.
Bevor eine neue Einsetzrunde startet, wollen die Bewohner von Steinzeithausen noch schnell ernährt werden. Die erforderliche Nahrung gibt es von Äckern oder aus den Jagdgründen. Hungernde Untergebene schlagen vor Wut und Gram 10 Räder kaputt.
Das Spielende naht, wenn sich die Hütten oder Zivilisationskarten ihrem Ende zuneigen. Der radreichste Spieler wird als Held der Steinzeit bejubelt.

Damals in der Steinzeit, noch vor Julius und Obelix, waren die Würfel noch nicht endgültig gefallen, denn damals galten sie noch als Universalwerkzeug. Wem also Würfel schon immer zuwider waren, sollte Stone Age lieber meiden. Solchen Spielgenossen wird jedoch so einiges entgehen. Denn das Material und der Mechanismus sind so ansprechend gestaltet, dass man das Spiel sofort spielen möchte. Wer sich dann auch aufs Würfeln einlässt, wird nicht enttäuscht werden. Das Spielgefühl ist gefällig und die Mischung aus Glück, Taktik und Strategie scheint ausgewogen. Zudem ergänzen sich Thema, Gestaltung und Spielprinzip ganz wunderbar.

Doch ist Stone Age wirklich so gut – langweilig und aussagefrei? Oder gibt es doch ein paar verborgene Ecken und Kanten, die das Spiel aus der Masse der einfach netten Spiele herausheben? Denn die wunderschöne Grafik von Michael Menzel könnte auch als weichgespült, aussagefrei und unoriginell charakterisiert werden. Persönlich schaue ich mir seine Spielgemälde immer gern an, hoffe jedoch, dass er nicht für immer bei diesem Stil verweilt. Doch das darf jeder selbst beurteilen. Die Piktogramme und Gestaltung sind intuitiv sehr verständlich. Gerade bei Hans im Glück Spielen hatte ich mit sprachunabhängigen Symbolen schon häufiger Verständnisprobleme.

Aber auch die Ausgewogenheit kann kritisiert werden. Denn beginnt man das Spiel zu analysieren, fallen sogleich die einfachen Zusammenhänge zwischen Pöppeln, Würfelergebnissen und Siegpunkten auf. Wer nämlich Hütten baut, bekommt genauso viele Siegpunkte, wie Würfelaugen in die benötigten Baustoffe einflossen. Die einfachste Spielgleichung lautet also: “Erwartete Siegpunkte = zum Würfeln eingesetzte Pöppel x 3,5”. Da eine Nahrung zwei Würfelpunkte kostet, kann der Wert eines Ackers zum Beispiel mit “2 x Anzahl der verbleibenden Runden” beziffert werden. Natürlich müssen noch die Kosten zum Hüttenbau berücksichtigt werden. Mit dem Wissen, dass die meisten Partien 9 bis 11 Runden dauern, lässt sich Stone Age auf ein lineares Gleichungssystem reduzieren.

Doch da gibt es auch noch die Zivilisationskarten, welche etwas Pfeffer ins Spiel bringen. Denn jede von ihnen bringt Siegpunkte bei der Endabrechnung. Der Wert bestimmt sich aber immer aus einer Multiplikation mit einem anderen Faktor. Zum Beispiel “3 x Anzahl der gebauten Hütten” oder “2 x Familiengröße”. Obendrein erhält der Erwerber einer Karte sofort gewisse Vorteile. Das kann z. B. ein Stein oder ein Werkzeug sein. Natürlich lässt sich das obige Gleichungssystem einfach um ein paar Dimensionen erweitern, um die Zivilisationskarten zu beschreiben. Denn im Wesentlichen bleiben die Zusammenhänge linear. Eine ausführliche Analyse dieses Ansatzes ist auf der Seite der Westpark-Gamers zu finden.

So richtig würzig scheint Stone Age also auch mit den Karten nicht zu sein. Feinspieler könnten also die Nase rümpfen und lieber hungrig zu Bett gehen. Hunger ist auch der Name einer weiteren Strategie, um Stone Age zu gewinnen. Denn ein Nahrungspunkt entspricht ja zwei Würfelaugen. Die Konventionalstrafe für hungernde Arbeiter beträgt pauschal 10 Punkte, deren Äquivalent 5 Nahrung ist. Warum sollte also der ausbeuterische Steinzeitkapitalist seine eventuell große Belegschaft mit Essen versorgen? Wer hungern lässt und sich hemmungslos vermehrt, hat mehr Ressourcen für Siegpunkte. Mittlerweile nahm sogar der Autor zu dieser Strategie Stellung. Ein Garant zum Sieg ist sie aber nicht. Es macht Spaß zu hungern, denn mit dieser Strategie hat man mehr Aktionsmöglichkeiten. Man kann sogar hungernd gewinnen.

Doch leider kann man bei dieser Vorgehensweise auch kläglich verrecken, wie ich auch schon am eigenen Leib erfahren durfte. Der Grund dafür sind die doofen Mitspieler, die per Interaktion die schönen Strategieträume zerplatzen lassen. Denn es reicht eben nicht, ganz viele Rohstoffe anzusammeln; auch die Hütten wollen gebaut werden. Jede Runde gibt es aber nur vier von ihnen. Besonders im Endspiel wird man kaum mehr als eine davon ergattern können. Und um mit Zivilisationskarten zu gewinnen, muss man sich spezialisieren. Deshalb sollte man erst die Karten sammeln und dann korrespondierenden Eigenschaften verbessern. Der hungernde Spieler muss aber oft in den ersten Runden die Karten ignorieren, da er vollauf mit der Klapperstorchenpflege beschäftigt ist.

Ob es eine dominante Siegstrategie gibt, weiß ich nicht. In seiner gefühlt recht kurzen Spieldauer und Komplexität lädt Stone Age aber ein, immer neue Strategien zu diskutieren, zu testen und zu verbessern. Auch Würfelhasser würden dies mögen. Diese verborgenen Schönheiten gibt das Spiel aber erst nach einigen Partien preis. Bis dahin ist es aber immerhin nett.

Peter Nos – 01.06.2008

POSTSCRIPTUM:

Bild von Stoneage

Stone Age spielten wir im Finale der Deutschen Meisterschaft 2008 in Herne. Und gingen bei diesem Spiel fürchterlich baden, aber das ist eine andere Geschichte. Interessanterweise wurde bei der Meisterschaft eine Statistik über die Hungerstrategie geführt. Jede Spielrunde notierte, an welchen Sitzpositionen die Hungerstrategie verfolgt wurde.Bild von 1 von 3 Würfelbecher
Prädikat
:
1 von 3 Würfelbecher

Anhand der Platzierungen konnte evaluiert werden: Sie ist kein sicherer Weg zum Sieg! Die Quote von erfolgreichen und gescheiterten Hungerkünstlern hielt sich etwa die Waage. Damit wird Peters Aussage zum Hungern bestätigt. An einer weiteren Statistik können alle Teams der regionalen Vorausscheidung 2010 teilnehmen, denn Stone Age steht als eines von vier Spielen auf dem Programm.

Kathrin Nos

Share

Mein Kommentar

  • (wird nicht weitergegeben)