The Manhattan Project

The Manhattan Project ist ein Spiel mit gespaltener Persönlichkeit. Die meisten Kritiken beschäftigen sich bisher fast nur mit einer Seite: Das Workerplacementspiel mit originellen Mechanismen. In einem Nebensatz wird augenzwinkernd auf die Ironie des Themas hingewiesen.

Aus meiner Sicht wird ein anderer Blick dem Spiel viel gerechter: The Manhattan Project ist eben nicht nur ein weiteres Strategiespiel, das sich eben mal eines für Eurogames untypischen Themas annimmt. Es ist vielmehr eine spielerische Annäherung an ein komplexes Themenfeld, die ein Anstoß sein kann, mal wieder tiefer in den Themenkomplex der Atombombenforschung einzusteigen.

Bild von The Manhattan Project
Ist es überhaupt moralisch vertretbar den Wettlauf um die Atombombe spielerisch zu verpacken? Dabei wird noch dazu das Geschehen durch den schicken Retrolook mit anonymen, gesichtslosen Arbeiterknechten verniedlicht, da sie das Spiel ins Comichafte ziehen.

Selbstverständlich ist die Antwort: Ja! Denn eben die Aufmachung bringt genügend Distanz für eine Annährung, die keinen sofort erhobenen Zeigefinger erfordert. Sie ist aber realistisch genug, um das Spiel auch inhaltlich ernst zu nehmen. Genauso gab es in letzter Zeit in der Literatur einige gelungene Ansätze (z.B. Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand oder Winter der Welt), in denen die atomare Bedrohung als Nebenhandlung massentauglich dargestellt wird.

Bei The Manhattan Project geht es damit los, dass es gar keine Frage nach dem „Wie kann man nur?“ gibt. Vermutlich mussten die am Projekt beteiligten Wissenschaftler diese Frage ausblenden und nicht, weil es herzlose Gesellen waren. Viel stärker war die Angst, dass Deutschland oder Japan eben schneller sein könnten. Die oft so beknackte Aussage „Wenn ich es nicht mache, macht es ein anderer“ war eben viel zu wahr.

Der aus der Aufgabe folgende Wettlauf ist keine einzelne Herausforderung für Physiker und Ingenieure, sondern auch ein logistisches und ökonomisches Mammutprojekt. Im Spiel ist deshalb das Geld immer viel zu knapp, und schnell entsteht der Bedarf nach immer mehr Minen, Fabriken, Universitäten für das wachsende Heer von Wissenschaftlern und Ingenieuren. Dann stellen sich die Fragen nach dem spaltbaren Material und dem Zünder. Im Spiel gibt es dafür die Entscheidung zwischen Plutonium oder Uran und die Aufgabe an Yellowcake zu kommen. Ein einmal erarbeiteter Vorsprung lässt sich in Anbetracht der Aufgabe kaum mit legalen Mitteln aufholen. Aber um ehrlich zu sein: Im Zweiten Weltkrieg standen legale Mittel wahrlich nicht im Mittelpunkt. Doch Spione sind keine Allzweckwaffe. Nach mehreren Partien The Manhattan Projekt kam ich zum Schluss, dass sie ein sicherer Weg sind, um Zweiter im Rennen zu werden, bei dem es nur um den Sieg geht. Wenn aber einer alleine den Schurkenspion gibt, hat er doch ziemlich gute Karten.

Das Spiel endet abrupt, wenn ein Spieler genügend Siegpunkte sammelte. Doch an dieser Stelle begann erst der zweite Teil der Geschichte. Das schreckliche an der Geschichte der Atombombe sind die aus dem initialen Zwang „etwas tun zu müssen, da es sonst die anderen tun“ folgenden Konsequenzen: Ausradierte Städte – Kriegsende – Wettrüsten – atomare Bedrohung – Kalter Krieg – Mauerfall – und die wahrscheinlich auf immer ungeklärte Suche nach Endlagern.

Und dies macht The Manhattan Project spielenswert: Es regt an, mal wieder hinter ein paar Kulissen zu blicken. Das Internet ist voller Quellen, dass es kaum lohnt einzelne herauszupicken. Ich mache es trotzdem: Viel Zeit lässt sich bei nuclearsecrecy.com/ verbringen. Dieser Blog arbeitet geheime Dokumente im Umfeld von Los Alamos auf und passt perfekt zur anspruchsvollen Vertiefung der Schlaglichter des Manhattan Projekts.

Kürzeste und doch eindringliche Fakten gibt es bei safog.com/home/atombombe.html, einer älteren Seite mit vielen Hinweisen auf weitere Literatur. Dem Gerücht mit E=mcc als Grundlage wird schließlich z.B. bei einstein-online.info/vertiefung/atombombe ein Ende gemacht.

Bild von 2 von 3 Pilzen
Prädikat
:
2 von 3 Pilzen
Ach, ja: Das Spiel ist auch gut. Es geht darum Arbeiter einzusetzen, die ziemlich lange auf einem Fleck hocken bleiben können. Der Trick ist es, den rechten Zeitpunkt zu finden, um die Arbeiter zurückzuziehen. Das Spiel ist ein Wettrennen und so konstruiert, dass fast immer mehrere Spieler fast gleichzeitig gewinnen können. Das macht The Manhattan Project auch spielerisch spannend.

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One Kommentar to “The Manhattan Project”

  1. Jörg Domberger

    Verwendet bitte die netten und sympathischen Pilzfreunde aus dem Wald nicht für die Prädikatsvergabe eines so ungesunden Spielsachverhalts.
    Und wenn dann tituliert bitte “2 von 3 giftigen Knollenblätterpilzen”.

    Verspielte Grüße von einem der sich schon wieder auf das Schwammerlsuchen freut
    Jörg

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