Was vom Jahrgang geblieben ist

Der September ist die Zeit des Messeblues. Ratlos blättern die Spielerinnen und Spieler aller Nationen durch die täglich länger und länger ausufernden Neuheitenlisten. Wir haben mal versucht, alle Duplikate, Neuauflagen, Erweiterungen, 18xx Spiele, Kinderspiele, Rollenspiele, Prototypen, Alterscheinungen des Frühjahrs und Star Wars Merchandising, sowie viel weiteres für konservative Eurogamer uninteressantes Zeug zu ignorieren. Doch es bleibt immer noch eine unüberschaubar lange Liste. In einem zweiten Schritt haben wir uns deshalb entschieden, einfach alle über Kickstarter finanzierten Spiele dieses Jahr zu ignorieren. Die Erfahrung zeigte bisher, dass viele Kickstarterprojekte vor allem viel Ausstattung für noch mehr Geld liefern und dabei die eigentlichen Spielqualitäten zu kurz kommen. Oder es ist noch schlimmer, oft packen die Autoren zu viel Spiel in die Schachtel, da sie von keinen bremsenden Redakteuren unterstützt werden.

Nachdem die Neuheitenliste so einigermaßen eingedampft war, hatte sich schließlich die Lust an der Vorschau aus dem Staub gemacht. Also lassen wir uns wie schon letztes Jahr zu großen Teilen einfach überraschen.

Beim Durchforsten der Listen fiel aber auf, wie wenige wirklich attraktive und originelle Ideen es gibt. Vor einigen Jahren klagten wir immer über zu viele mittelalterliche Handelsspiele. Heute wäre das schon wieder erwähnenswert. Statt dessen kopiert jeder sich selbst und bringt Sequels, Kartenspiele zum Würfelspiel, Neuauflagen, Spiele zu Serien oder einfach nur Zombiespiele auf den Markt. Es ist ein wenig wie beim Film. Da herrschen auch die superteuren Megablockbuster (s. Kickstarter) vor. Sonst gibt es noch Buchverfilmungen, 2. 3. 4. … Teile. Nur Spiderman geht es immer wieder mal von vorne los.

Dabei sind die tollen Filme eben jene, die noch unverbrauchte Themen aufgreifen und fürs Filmmedium komponierte Geschichten erzählen. Ähnliches gilt für gute Spiele. Mir macht es Spaß, wenn ein Spiel eine bekannte Idee neu oder besser umsetzt. Beasty Bar, Sheep & Thief, Drachenhort, Orléans, Bad Bunnies, Machi Koro, Roll for the Galaxy oder Auf den Spuren von Marco Polo gehörten im letzten Jahrgang zu dieser Kategorie. Darunter sind einige meiner Lieblingsspiele der letzten Monate. Ich glaube aber nicht, dass sie viele Jahre bekannt bleiben. Allein Orléans oder Roll for the Galaxy könnten es schaffen.

Toll ist es natürlich, wenn neue Mechanismen eingeführt werden. Neben Deus und ZhanGuo fallen mir keine Spiele ein, die in letzter Zeit dadurch glänzten. ZhanGuo erzählt auch schon in gewisser Weise eine faszinierende Geschichte, die sich gegen die Masse der Mechanismen nicht recht durchsetzen kann. Auf Geschichten und Atmosphäre lege ich in den letzten Jahren immer mehr Wert. Dabei reicht es für Spiele nicht einfach, mit einem tollen Titel zu glänzen oder drei Zeilen Einleitung über Drachen und Prinzessinnen zu spendieren. Bleibende Spielerlebnisse entstehen immer dann, wenn der Mechanismus zu einer zum Spiel passenden Geschichte entsteht und die Geschichte auch noch spielgeeignet konstruiert ist.

Es gab einige Spiele dieser Art im letzten Jahr. Natürlich gehört The Manhattan Project dazu, aber auch Colt Express und Euphoria. In diese Kategorie passen auch die momentanen Innovationsgeber des Spielemarktes, die kooperativen und semi-kooperativen Spiele. Robinson Crusoe mit Erweiterung oder die Andor-Spiele – aber auch Samurai Spirit – verbinden Emotionen und Spielmechanik. Zuletzt überzeugte uns auch noch Winter der Toten.

Im Vorfeld der nächsten Messe haben wir in My Fair Princess schon ein Spiel ausgemacht, das mal wieder eine völlig neue Geschichte erzählt und dabei auch noch Impulse im Workerplacement setzt.

Schließlich gibt es noch die Gesamtkunstwerke, die einfach für sich stehen. Solche gibt es nur sehr selten. Erkennbar sind sie an Erweiterungen, die wir sogleich und immer wieder spielen. Nach Dominion hat bei uns Terra Mystica es geschafft, eine solche Dauerfaszination zu verbreiten.

Der Blick zurück bringt doch viele gute Spiele des letzten Jahres hervor. Vielleicht lohnt es doch schon mal, die Neuheiten genauer zu studieren, um nicht einige der kommenden Perlen zu übersehen…

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