Das Spielende der Mannheimer Spieliotheken?

Heute berichten wir über eine ganz andere Spielgattung: das politische Spiel. Kurz vor Weihnachten liess der Mannheimer Oberbürgermeister nämlich die Katze aus dem Sack: Im Namen der Bildung junger Leute sollen die Mannheimer Spieliotheken binnen Jahresfrist geschlossen werden!

Wer also die Mannheimer Spieliotheken noch nicht kennt, hat vielleicht nur noch kurze Zeit, dies nachzuholen. Immerhin umfasst sie eine überaus große und gut gepflegte Spielesammlung. Noch ist sie ferner ein regionaler Austragungsort der deutschen Brettspielmeisterschaften. Die drohende Schließung wird damit auch engagierte Spieler jenseits der Mannheimer Stadtgrenzen betreffen.

Nun ist allseits bekannt und akzeptiert, dass insbesondere auch Gemeinden drastische Sparmaßnahmen vornehmen müssen. Ignorant, ja fast schon kafkaesk wirkt aber die Begründung, weshalb gerade neben den Spieliotheken auch die Jugendhäuser, die Stelle für Mädcheninteressen und das Angebot der Puppenbühne massiv betroffen sind:

  • Ziel der Stadt ist es, die Förderung der Kinder gezielt anzustreben und hierbei auch die Eltern in ihrer Erziehungsfähigkeit zu stärken – Genau dies leisten die Spieliotheken, und den Eltern würde ein wichtiges Standbein entzogen.
  • Die Stadt will mit qualitativ guten Bildungsangeboten punkten – dieses gute Angebot gibt es bereits – warum dann die Schließung?
  • Das Augenmerk der öffentlichen Verantwortung soll sich insbesondere auf Kinder sozial benachteiligter und bildungsferner Familien konzentrieren – genau das tun die Spieliotheken.
  • Bestehende Kultureinrichtungen wie die Spieliotheken, die von vielen Bürgern und für viele Bürger genutzt werden, sollen komplett entfallen. Gleichzeitig will der OB aber Mannheim zur Kulturhauptstadt werden lassen. Wie passt das zusammen?

Es ist wohl überflüssig, an dieser Stelle auf die kulturelle und pädagogische Bedeutung des Spiels einzugehen. Leider werden Gesellschaftsspiele von der so genannten Bildungsgesellschaft kaum nicht bewusst als Kulturgut wahrgenommen. Bezeichnend ist dafür auch die Stadt Essen, die als Kulturhauptstadt 2010 geflissentlich die Spiel 2010 übersieht. Dabei schult und bildet Spielen nicht nur zwanglos, sondern ist tiefer in der Gesellschaft verankert, als manch Oberbürgermeister wahrnehmen mag. Ob in Schauspielhäusern, Ballspielvereinen, Nullsummenspielen, Spielmannszügen, Krippenspielen oder Musikspielen – Spiele spielen überall eine Rolle, nur das reine Spiel wird als überflüssig, unproduktiv, ja fast schon abfällig schäbig wahrgenommen. Vielleicht ist dies der Grund, weshalb nun tüchtig gestrichen werden soll.

Die Umsetzung der Sparpläne hätte weitreichende Konsequenzen:

  • die zweitgrößte Spieliothek Deutschlands wird geschlossen,
  • 8000 Menschen wird das Ausleih- und Beratungsangebot entzogen,
  • die eigens durch die Stadt mit dem Gütesiegel als familienfreundlich ausgezeichnete Einrichtung wird den Bürgern genommen,
  • bestehende integrative Arbeit entfällt,
  • Spielnachmittage und -abende fallen aus,
  • fest installierte und regelmäßig wiederkehrende Aktionen wie „Mannheim spielt!“, Agenda Diplom, Deutsche Brettspielmeisterschaft und Ausstellungen fallen weg,
  • Beteiligung an Stadtteilaktionen entfällt,
  • bereits bestehende Kooperationen mit anderen Fachbereichen werden gestrichen,
  • gewachsene Zusammenarbeit mit Bibliotheken entfällt,
  • Fortbildungen für Fachschulen und Tagesmütterausbildung entfallen,
  • die deutschlandweite Zusammenarbeit der Spieliotheken im Verband Deutscher Spieliotheken/Ludotheken (VDSL) – Vorsitz in Mannheim – würde gestrichen.

Detaillierte Informationen zu den Mannheimer Spieliotheken können HIER abgerufen werden.

Wer noch genauere Informationen sucht, sollte sich bei Wer-kennt-wen registrieren. Über die dortige Suche gelangt man zur Gruppe “Kürzungen Jugendarbeit”, die von Aktivisten gegen die Einsparungen betrieben wird.

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8 Kommentare to “Das Spielende der Mannheimer Spieliotheken?”

  1. gruenerpoeppel

    …erneut eine Sparplaninitiative mit voellig falschem Ansatz. Falls ich euch in irgendeiner Form unterstuetzen kann, lasst es mich wissen.
    Horst,
    Bonn (Altleinigen 😉 )

    Reply
  2. Arno C. Hofer

    Liebe Leute von der Mannheimer Ludothek!

    Als Vorstandsvoritzender des Verein Ludovico, der in Graz im Auftrag der Steiermärkischen Landesregierung die LandesLudothek möchte ich Euch unserer vollen Solidarität versichern. Es wäre – gerade in Zeiten wie diesen – vollkommen in die falsche Richtung gespart, soltte Eure Schließung schon beschlossene Sache sein. Gerade jetzt sollte man doch die kleinen Biotope der Kommunikation schützen – und von Seiten der Politik auch nützen: um bei der Bevölkerung wieder Vertrauen aufbauen zu können ….

    Mit besten Grüßen

    Euer Arno C. Hofer

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  3. Peter Nos

    Updates:

    Auch andere Seiten berichten über die drohende Schließung der Spieliotheken:

    Reich der Spiele:
    http://www.reich-der-spiele.com/specials/Manheimer-Spieliotheken-von-Schliessung-bedroht

    Spielbox:
    http://www.spielbox.de/php/aktuell.php4?#a2211

    Roachware:
    http://roachware.blogspot.com/2010/01/spoielotheken-in-mannheim-vor-der.html

    Leider gibt es bisher keinerlei Lebenszeichen von Hall9000 zu diesem Thema. Immerhin kooperiert Hall9000 mit den Mannheimer Spieliotheken bei vielen Veranstaltungen.

    Zur Gruppe bei Wer-kennt-wen gibt es mittlerweile auch einen Direktlink:
    http://www.wer-kennt-wen.de/club/6lrcswme
    Die Gruppe hat schon mehr als 2500 Mitglieder.

    Am 2. Februar finden die ersten Etatreden der im Gemeinderat vertretenden Fraktionen statt. Ich befürchte, dass die Spieliotheken einem Kompromiss zum Opfer fallen (z.B.: Die Jugendhäuser bleiben erhalten aber die Spieliotheken müssen dran glauben. Wäre ich Politiker, würde ich mit ähnlich überzogenen Streichlisten loslegen, um für folgende Verhandlungen genügend Material für Kompromisse zu haben…)

    Wie immer sich die Lage entwickelt, wir werden darüber berichten.

    Viele Grüße,
    Peter.

    Reply
  4. Arno C. Hofer

    Gibts schon Entwarnung – oder nur noch eine Gnadenfrist?
    Wir bangen mit Euch …
    Bitte um eine Mail, da ich nicht immer wieder nachschaeun kann.
    Danke, Arno

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