Finca

Was fällt Ihnen spontan ein, wenn Sie an Mallorca denken? Sind Sie eher so der Typ, der an Ballermann denkt? Touristenmassen, die sich oben ohne im Sonnenschein grillen lassen und abends alkoholgetränkt auf den Putz hauen? Oder kommen Ihnen eher die gehobenen Mittelmeer-Besucher in den Sinn, die im Hinterland, nur wenige Kilometer von den Bettenhochburgen entfernt, nach dem provinziellen Charme der Insel suchen, in Fincas übernachten und durch die Landschaft wandern?

Mit Ballermann hat das Spiel Finca nichts zu tun. Wer jedoch eher auf das typische Mallorca steht, an Olivenhaine, Mandelblüte und Zitrusfrüchte denkt, der fühlt sich schon durch die Spieleschachtel in den Urlaub versetzt. Einladend wird dem Betrachter eine Zitrone präsentiert, direkt darunter wachsen Orangen. Ein Hauch von Blütenduft weht einem entgegen. Ebenfalls im Bild: Ein Eselskarren und im Hintergrund das Windrad. All diese Elemente begegnen den Spielern dann auch in der Schachtel. Das Gefühl des Mittendrinseins im Urlaub setzt sich mit dem Spielmaterial fort – besonders mit den tollen Holzfrüchten für Mandeln und Oliven, Feigen und Weintrauben, Zitronen und Orangen.

Finca

Damit ist schon direkt klar: Ein großer Pluspunkt für Finca sind Ausstattung und Grafik! Im Spiel selbst steht die Aufgabe im Mittelpunkt, Früchte zu sammeln und in vorgegebenen Kombinationen auf der Insel zu verkaufen. Auf dem Windrad bewegen sich je nach Spielerzahl pro Spieler zwischen drei und fünf Figuren im Kreis. In einem Zug darf eine Figur bewegt werden. Die Anzahl der Schritte entspricht der Anzahl der Figuren auf dem Ausgangsfeld. Auf dem Zielfeld ist eine der sechs Früchte abgebildet – jede Frucht kommt zwei Mal vor, somit hat der Rundkurs einmal um das Windrad herum eine Länge von zwölf Feldern. Jetzt wird wieder die Anzahl der Figuren gezählt, um die Anzahl der geernteten Früchte zu ermitteln – dieses Mal diejenige auf dem Zielfeld.

Überschreitet eine Figur eine von zwei Grenzen, so erhält ihr Besitzer einen Eselskarren. Dieser kann in einem späteren Zug anstelle der Ernte zur Auslieferung eingesetzt werden. Bis zu sechs Früchte haben darauf Platz, um ein oder mehrere Auftragsplättchen zu erfüllen. Zwischen einer und sechs vorgegebenen Früchtekombinationen werden von einem Auftrag verlangt. Vier Sonderplättchen erlauben es jedem Spieler, bei der Ernte oder der Auslieferung einmalig bestimmte Vorteile zu erhalten. Siegpunkte werden am Ende des Spiels zusammengezählt: Jeder Auftrag erhält so viele Punkte, wie Früchte zur Erfüllung benötigt wurden. Sobald einer der zehn Auftragsstapel auf dem Spielplan mit den verschiedenen Inselregionen komplett erfüllt wurde, wird ein Bonusplättchen für fünf Punkte vergeben – an denjenigen Spieler, der für die aufgedruckte Fruchtsorte bereits die meisten Aufträge erfüllt hat. Weitere Bonuspunkte kann erlangen, wer von jedem Auftragswert zwischen eins und sechs genau ein Plättchen gesammelt hat. Das Spiel endet, sobald in einer bestimmten Anzahl von Inselregionen alle Aufträge erfüllt und die zugehörigen Mehrheitenboni vergeben wurden.

Zwei Elemente bestimmen eine Partie Finca: Zum einen die genaue Beobachtung und geschickte Ausnutzung des Windradmechanismus. Wann bringt welche Frucht besonders guten und damit zahlreichen Ertrag? Außerdem gilt es, den anderen Spielern keine Vorgaben zu machen, denn wer eine Figur wegbewegt, erlaubt durch die geänderte Reichweite dem nächsten Spieler womöglich einen viel lukrativeren Zug! Manches Mal ergeben sich Konstellationen, bei denen bestimmte Früchte kaum noch verfügbar sind, weil niemand in passender Reichweite steht – ärgerlich, wenn genau diese Frucht auf den Auftragsplättchen nach und nach immer präsenter wird!

Zum anderen muss man zu günstigen Zeitpunkten werten. Hierzu ist ein guter Nachschub an Eselskarren unabdingbar. Ein sehr trickreiches Ärgerelement haben sich die Autoren übrigens bei Materialknappheit einfallen lassen: Sind alle Eselskarren bereits vergeben, und es müsste ein Spieler einen erhalten, müssen alle Spieler ihre Karren zurückgeben. Jetzt kann sich der aktive Spieler bedienen. Derselbe Mechanismus wird auch bei den Früchten angewandt: Gibt es eine Sorte, die momentan durch ganze Horden von Figuren zur Ernte gebracht wird, kann ein Witzbold auf die Idee kommen, diesen Knappheitsfall eintreten zu lassen – und schon sind die Vorräte der Mitspieler dezimiert. Besonders ärgerlich für die Spieler, die schon in den Startlöchern für die Sechser-Aufträge mit entweder sechs verschiedenen oder sechs identischen Früchten gesessen haben!

An Finca haben ganz unterschiedliche Spielertypen ihre Freude. Wer gerne aus dem Bauch heraus spielt, darf dies bei Finca tun. Voraussetzung dafür ist, dass alle Spieler ihrem Bauch Vorrang lassen. Wer gerne jeden Zug genau berechnen und alle Möglichkeiten durchkalkulieren möchte, sowie die Aktionen der Mitspieler beobachtet, darf dies bei Finca ebenfalls tun. Voraussetzung dafür ist, dass alle Spieler sich gerne der Grübelei hingeben. Eine aus beiden Spielertypen gemischte Gruppe passt nicht zusammen, weil die einen auf die anderen laaaange warten müssen und die anderen den einen zu viele Vorlagen präsentieren. Lohnt sich das Vergrübeln überhaupt? Ein wesentlicher Glücksfaktor besteht im Aufdecken der nächsten Auftragsplättchen. Wer für den Bonus für Plättchen aller Auftragswerte sammelt und dafür genau noch den Wert zwei benötigt, wird jedes Mal fluchen, wenn ein solcher Auftrag genau nach seinem Zug aufgedeckt und vor seinem nächsten Zug bereits von einem anderen Spieler erfüllt wird!
1 von 3 Eseln

Prädikat
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1 von 3 Eseln
Nicht zu unterschätzen sind überdies die Mehrheitenboni – wer bei diesen ganz leer ausgeht, wird kaum den Sieg erringen.

Rational betrachtet könnte man also einige Gründe anführen, die gegen Finca mit seinem an sich recht abstrakten Sammel- und Wertungsmechanismus sprechen. Emotional betrachtet bietet das Spiel jedoch ein rundum schönes Gesamtpaket, das zum Ausflug auf die Insel einlädt und ein stimmiges Spielerlebnis bietet.

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