Spiel ’08: Samstag



Vorab sei uns ein wenig Lokalpatriotismus erlaubt:


Im Rahmen der Essener Spieletage finden regelmäßig auch die europäischen Brettspielmeisterschaften statt. Dieses Jahr wurden Amyitis, Sechsstädtebund, Im Jahr des Drachen und Neuland gespielt. Wie schon im Frühjahr berichtet, durften die “Wasserturmabräumer” aus Mannheim dieses Jahr auch in diesem Turnier antreten. Ihnen gelang ein vorzüglicher 7. Platz. – Herzlichen Glückwunsch, auch an die Sieger und alle anderen Teilnehmer.

Jörn und Christiane berichteten, dass die Organisation sehr gelungen und die Atmosphäre wirklich international war. Zum Glück enthielten die Spiele keine Kommunikationselemente. Sonst hätten sich wohl die Teilnehmer mit Händen und Füßen verständigen müssen. Allein die Teilnahme wiegt deshalb wohl einen verlorenen Messetag durchaus auf.




In unserer Trendvorhersage haben wir einen Aspekt gänzlich vernachlässigt. Denn ein weiterer Trend zieht sich wie ein roter Faden durch die Messe: Vertrieb! Viele Kleinverlage kooperieren mit den Vertrieben von Heidelberger, Asmodee, Hutter/Huch, etc. Das bedeutet für den Messebesucher, dass einige Spiele an mehreren Ständen gespielt werden können. Zum einen beim herausbringenden Verlag, zum anderen beim Vertriebspartner. Das kann auch verwirrend sein, denn eine Verabredung am “Machu Picchu-Stand” kann zu den Heidelbergern oder auch direkt zum PD-Verlag führen. Für den Verbraucher wird einiges einfacher, denn erst hierdurch gelangen viele Titel zuverlässig und in genügender Stückzahl auf den deutschen Spielemarkt. So sind zwar einige besonders begehrte Spiele wie Ghost Stories und Planet Steam auf der Messe bereits nahezu ausverkauft, doch es ist in den kommenden Monaten mit Nachschub zu rechnen.

Die Kehrseite dieses Trends ist jedoch auch ein gewisser Verlust an Flair. Früher hatte man genau eine Chance ein Spiel zu testen und zu kaufen: Am richtigen Stand zur richtigen Zeit in Essen. Jetzt erhält man das Spiel sicher auch noch später bei Heidelberger & Co. Die Kleinstverlagsszene scheint sich dadurch fundamental zu ändern. Es ist zu hoffen, dass der Spielemarkt dadurch nicht an Originalität und Vielseitigkeit verliert. Noch überwiegen die positiven Aspekte.



Freunde des Kung Fu Films werden sich freuen, dass mit Ghost Stories nun ein Spiel an den Film “A Chinese Ghost Story” erinnert. Das Foto zeigt eine Spezialversion. Die normal erhältlichen Spiele haben aber auch eine vorzügliche Ausstattung. Im Spiel selbst kooperieren die Spieler bei der Verteidigung eines Dorfes gegen Geister, um schließlich den Oberbösewicht zu besiegen. Die Spielmechanik ist denkbar einfach: Ein Geist besucht das Dorf – ein Spieler agiert und versucht einen Geist (manchmal zwei) zu besiegen, usw. Die Gespenster besitzen jedoch Sonderfähigkeiten aller Art, z.B. bringen einige einen Kumpel mit, andere verwandeln Dorfteile in Spukschlösser und wieder andere sind nur mit spezieller chinesischer Magie besiegbar. Glücklicherweise können auch die Spieler auf die magische Hilfe der Dorfbewohner vertrauen. Trotz des einfachen und würfellastigen Mechanismus kam aber schnell eine dichte Atmosphäre auf, und gespannt versuchten wir die Geister zu vertreiben. Knapp gelang uns dann auch der Sieg in der Novizenvariante des Spiels. Ghost Stories ist ein sehr thematisches Spiel mit passenden Regeln. Da auch die Spieldauer mit 60 Minuten angenehm kurz war, hat es uns durchweg gefallen. Und Lust, den Film mal wieder zu schauen, bekam ich auch.



Ebenfalls konnten wir heute Sylla von Ystari testen. Von diesem Spiel hatten wir während der Messe bis dahin noch gar nicht viel gehört und waren recht gespannt darauf. Sylla spielt in Rom, das an der Schwelle zum Christentum steht. Die Römer werden immer dekadenter, die Bürger immer frömmer. Zentrales Element sind die Personenkarten, die mehrere Funktionen erfüllen. In jeder Runde erhält man eine zusätzliche Person. Jede Person kann zunächst zum Gebäudebau eingesetzt werden. Denn pro Runde werden fünf Gebäude versteigert. Jede Person kann für deren Versteigerung bei einer bis drei Farben eingesetzt werden. Doch mit dem Einsatz bei der Gebäude-Versteigerung ist die zweite Funktion verbraucht. Der Händler bringt dann in dieser Runde kein zusätzliches Einkommen mehr, der Senator verwirkt sein Stimmrecht, etc. Das bedeutet, dass man gut abwägen muss, wann man welche Person einsetzt! Während des Spiels sammeln alle Spieler Siegpunktmarker in drei Sorten. In jeder Sorte schwankt der Kurs während des Spiels. Natürlich versucht jeder, seine stärkste Sorte nach vorn zu bringen und andere Sorten zu schwächen und dabei möglichst viele Marker einzusammeln – oder per Gebäude oder einigen kleinen anderen Mechanismen weitere Siegpunkte einzuheimsen.

Sylla bietet recht verzahnte Mechanismen und spielt sich nicht sofort intuitiv. Erst nach zwei, drei Runden werden die Zusammenhänge klar. Das bedeutet insbesondere, dass wir nach dieser ersten Partie noch weniger ein erstes Urteil abgeben können als sonst. Da während einer Partie insgesamt fünf Runden gespielt werden, die alle ähnlich ablaufen, fanden wir den Spannungsbogen etwas flach. Das mag sich ändern, wenn man mit mehr Spielerfahrung stärker über mehrere Runden hinweg auf bestimmte Ziele hinspielt.



Der bisher zumindest mir unbekannte Verlag Red Glove präsentiert dieses Jahr das Spiel Lungarno. Nachdem es zumindest zeitweise in der Fairplay Hitliste auftauchte wurden wir neugierig und schlenderten zum 10 Meter vom Fairplaystand entfernten Verlag. Die Spieler legen Stadtplättchen in 8 Bezirke, besetzen sie und bekommen dafür Punkte. Die Regeln erinnern wie schon so oft mal wieder entfernt an Carcassonne. Dabei ist das Spiel aber durchaus kein müder Abklatsch, sondern bietet genügend eigenständige Elemente. Gut gefallen haben mir dabei die Interaktionsmöglichkeiten. Insgesamt bewahrheitet sich aber mal wieder die Regel, dass Verlage in unmittelbarer Fairplaynähe einen dicken Notenbonus bekommen. Ein besonders gutes oder innovatives Spiel schien mir Lungarno nämlich nicht zu  sein.

Mit den Mitarbeitern am Stand hatten wir außerordentliches Mitleid. Denn sie müssen nicht nur den ganzen Tag auf eine Wand mit Postern der aktuellen “Disney-Teenie-High-School-Musical-Stars” starren. Laut unserem Medienexperten T-Low ist das eine Mischung von “No Angels”-Retorte und Daily Soap. Was viel schlimmer ist, auf der anderen Seite übten sich 10-12 jährige Mädchen an Karaokegesängen der beworbenen Stars. Dies ist eine durchaus legitime und für sie spaßige Beschäftigung, leider schienen einige keinerlei Gesangsfähigkeiten zu besitzen und auch keine Übungsfortschritte zu machen. Auf ein Stirnrunzeln von uns nach einem besonders misslungenen Geheule raunte der freundliche italienische Erklärer mit einem wunderbaren italienischen Akzent “Do not mention the girls! These were not the worst!”



Die Queen-Games-Neuheit Chicago Express kommt völlig ohne Spielerfarben aus. Jeder kann sich an allen Eisenbahngesellschaften beteiligen. Quer durch die USA von der Ostküste bis nach Chicago versuchen alle zu bauen. Der Anschluss von Städten, die Bildung von Siedlungen, sowie insbesondere der Anschluss von Chicago lassen den Wert einer Eisenbahngesellschaft steigen. In jeder Runde stehen Aktionen zum Streckenausbau, Versteigerung weiterer Anteile und Besiedelung für alle zur Verfügung. Sind zwei Sorten dieser Aktionen aufgebraucht, endet eine Runde mit einer Dividenden-Ausschüttung an alle Aktionäre. Da das Ziel des Spiels der größte Reichtum ist, versucht man im rechten Moment den Wert seiner bevorzugten Gesellschaft zu erhöhen oder sich passend bei erfolgversprechenden Farben einzukaufen. Besonders trickreich: Der Ausbau einer Gesellschaft kann nur mit dem Geld erfolgen, das zuvor bei den Versteigerungen eingenommen wurde. Reicht dieses Geld nach Verkauf der letzten Aktie nicht, um den Ausbau genügend voranzutreiben, kann der Aktienkurs in der Wertsteigerung womöglich nicht genug mithalten. Als Eisenbahnspiel bietet Chicago Express ein vergleichsweise lockeres Spielgefühl und macht Lust auf weitere Partien.



Schließlich sei noch die Neuauflage von Time’s Up erwähnt. In deutlich kleinerer Schachtel – dafür auch mit weniger Karten – versucht es einen zweiten Anlauf. Mit Hilfe einer Promo-Tour versucht der Asmodee-Verlag, den Bekanntheitsgrad des Spiels zu heben. Da wir selbst Time’s Up mit großer Begeisterung in unzähligen Partien gespielt haben, hoffen wir natürlich auf einen Erfolg – nicht zuletzt übrigens, um in hoffentlich folgenden neuen Kartensätzen neues Material für die eigenen Time’s Up Runden zu erhalten!

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