Bombay

Erstveröffentlichung im Juli 2009 in der Fairplay 88.
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Per Elefantenexpress zur Bucht im Landesinneren

Es gibt vielerlei Wege, sich einem Spiel wie BOMBAY zu nähern. Eine Möglichkeit wäre es, in der Einleitung in der Art des Oberlehrers das Thema und den geographischen Hintergrund zu erörtern. Etwa so: “Bei BOMBAY betreiben die Spieler einen Elefanten-Express, mit dem sie zwischen verschiedenen indischen Städten mit Elefanten Waren transportieren und nebenbei Paläste bauen. BOMBAY wurde kürzlich in Mumbai umbenannt. Es liegt auf einer Halbinsel am Indischen Ozean und nicht – wie vom Spielplan suggeriert – im Landesinneren. Die vier im Spiel bereisten Städte liegen jeweils 500-800 km voneinander entfernt. Die Durchschnittsgeschwindigkeit Indischer Elefanten beträgt etwa 10km/h. Somit verstreichen in einem Spiel etwa 50 Tage. Die Bauzeit indischer Paläste betrug zur Zeit des Eli-Express etwa einen Tag…”

Als Alternative bietet sich der obligatorische Hinweis auf das Erkennungsmerkmal der Ystari Spiele an: “Auch Bombay trägt eyn “Y” im Tytel. Als Huldygung des Verlages werden yn dyser Rezensyon alle Ys und Ys durch Ys ersetzt. Der Autor Cyryl Demaegd veröffentlychte schon mit Ys das Debytspyl von Ystary. Typpfehler seyen verzyehen, da dye automatysche Rechtschreybkorrektur leyder nycht ymmer zuverlässyg myt dem Schreybstyl zurecht kommt…”

Eine wieder andere Option ist der gute Rat, gepaart mit einem neckischem Scherz: “Der Verlag war gut beraten, das Spiel BOMBAY und nicht HYDERABAD zu nennen, da den meisten Kundinnen dieser Titel nicht locker von der Zunge flutscht. Wenn Sie Ihre Mitspieler allerdings beeindrucken möchten, sollten Sie beim Erklären zwei bis drei Mal weltmännisch “Hyderabad” richtig betont aussprechen. Und das geht so: “Haidarabad” – “Haida” wie das Gegenteil von “Wal hier”, “Ra” wie Aleas Nummer 1 wobei das R schön gerollt wird, und “Bad” wie “Dusche”. Das Wort muss schnell und völlig unbetont gesprochen werden. Hyderabad ist im Übrigen kein Kurort, sondern eine mittlere Metropole, in deren Großraum etwa 6 Millionen Menschen leben…”

Gerne wird auch zur Nacherzählung wirklich aller Spielregeln gegriffen: “Nachdem die Spielvorbereitung für vier Spieler regelgerecht durchgeführt wurde, werden vier Sätze mit jeweils vier Runden gespielt. Entwarnung: Bombay ist kein Tennisspiel!
Pro Runde hat jeder Spieler drei Aktionspunkte. Zu Beginn eines Satzes werden 9 von 17 Holzklötze, welche die vier verschiedenen Seidensorten repräsentieren, aus einem Stoffbeutel gezogen. Die am häufigsten gezogenen Farben werden auf den linken Markt, die zweithäufigsten auf den mittleren, und alle anderen auf den rechten Markt gelegt. Es gibt fünf Möglichkeiten zur Nutzung der Aktionspunkte. Die einfachste Regel lautet passen: Für drei Aktionspunkte wird eine Rupie gezahlt.

Eine Bewegung kostet einen Aktionspunkt, nur bergauf müssen zwei investiert werden. In Handelsstationen kann für eine Rupie und einen Aktionspunkt jeweils eine spezielle Ware aus dem linken Markt auf den Elefanten geladen werden. Dabei wurde auch an jüngere Spielerinnen gedacht, denn es gibt auch rosa Elis. Waren aus dem mittleren Markt kosten einen Aktionspunkt extra und Seide im rechtem Markt sogar je zwei Rupien und Aktionen.

Verkaufen lassen sich Waren in Städten für einen Aktionspunkt. Jede Stadt nimmt nur drei der vier Seidensorten an. Je nach Nachfrage ist der Verkaufserlös 4, 3, oder eine Rupie. Im letzen Fall gibt es dafür noch eine “Kundin”, die zum Spielende nochmal Extrarupien bringen kann. Gelbe Seide kann immer für eine Rupie mehr verkauft werden und lila Seide bringt immer eine Extrakundin ein. Die verkaufte Seidensorte wird entwertet und die Nachfrage der anderen beiden Farben entsprechend erhöht. Für den jeweils ersten Verkauf eines Spielers in einer Stadt darf er sich auch einen bunten Stadtmarker nehmen. Doch es gibt nicht genügend Marker für alle Spieler. Drei oder vier verschiedenfarbige Marker sind 4 oder 8 Rupien wert.
Aus Seide und einer Aktion können schließlich außerhalb der Städte und Handelsstationen noch Paläste aus Seide gebaut werden. Im Austausch gibt es dafür eine kleine Belohnung in Form von zwei Rupien, einem Seidenballen, einer Kundin oder einer Jokerstadtmarke. Für jeden anderen Elefanten, der fortan das Feld betritt, subventioniert die Bank den Palastbesitzer mit einer Rupie.

Wer in der Summe am Ende des Spiels die meisten Kundinnen und Paläste besitzt, bekommt in einer Endwertung zusätzlich 8 Rupien. Die Zweit- und Drittplatzierten erhalten 4 und 2 Rupien. Der nun reichste Spieler …”

Doch all diese Arten der Einleitung erscheinen abgedroschen und nach dem Studium der Regeln ist dies auch der erste Eindruck von BOMBAY. Schlimmste Befürchtungen über nahende Grübelorgien stehen den kommenden Mitspielern schon ins Gesicht geschrieben, wenn sie hören, dass jeder Spieler 16 mal 3 Aktionen ausführt, ohne andere zu beteiligen. Allein das ansprechend gestaltete Plastikmaterial reizt zum Losspielen. Die ersten Runden gehen recht flott vonstatten. Doch nach etwa 45 Minuten beginnen wirklich langsam die Köpfe zu rauchen, aber in eben diesem Moment kommt der erstaunte Ruf: “Das Spiel ist ja schon vorbei!”

Bei der Auswertung folgt die zweite Erkenntnis: Seidenhandel lohnt sich nicht – Faulsein dagegen sehr. Denn ein typisches Resultat sind zum Beispiel 19, 23, 23 und 24 Rupien. Wenn es gut läuft, erwirtschaftet ein Spieler auch mal 35 Rupien. Geht alles schief, kann man mit weniger als 18 Rupien verlieren. Zusammen mit zwei Startrupien und 16 Mal Passen ist soviel eigentlich jedem Spieler sicher. Mit Blick auf den aktuellen Devisenhandel wird somit klar, dass BOMBAY ein Spiel für akribische Pfennig- oder präziser ausgedrückt Rupienfuchser ist.

Nicht nur Rupien sind Mangelware, auch Seide ist etwas zu knapp für ein gemütliches Spiel. So ist regelmäßig gegen Ende eines Satzes das Spielfeld regelrecht leer geräumt, und die letzten Aktionen sind allenfalls nützlich, um sich für den nächsten Durchgang zu positionieren. In den letzten Runden lohnen sich Investitionen in Paläste und Seide gar nicht mehr. Für eine typische Seidentransaktion werden drei bis sechs Bewegungen, ein bis zwei Aktionen zum Beladen und eine zum Verkaufen benötigt. Dabei stehen Kosten von ein bis zwei Rupien einem Ertrag von bis zu fünf Rupien entgegen. Sechs bis neun Aktionspunkte gilt es also gegen null bis vier Rupien Gewinn zu verrechnen. Wer gar nichts macht, hätte in der gleichen Zeit risikolos zwei bis drei Rupien eingestrichen. Wenn noch fremde Paläste auf dem Weg stehen, lachen bei solchen Transaktionen eigentlich nur noch die Anderen.

Glücklicherweise können Elefanten zwei Ladungen Seide tragen. Obwohl pro Runde nur ein Ballen geladen werden darf, lassen sich so zumindest die Transportkosten etwa halbieren. Auch Paläste, die eine, eventuell sogar höherwertige Ersatzseide bringen, sind deshalb oft lukrativ. Überhaupt sind Paläste verführerisch, gibt es doch eine Hauptachse, entlang derer fast die gesamte Elefantenherde zuckelt. Wer dort einen bescheidenen Herbergspalast sein Eigen nennt, kann auf einen stetigen Rupiensegen hoffen. Mit vier oder fünf Spielern lohnt sich dies umso mehr.

Doch Palastbauten bringen auch einen Nachteil mit sich. Denn wer zu viele Paläste in den Sand setzt, kann nicht an den dicken Geschäften in den Städten teilnehmen. Mit den beiden richtigen Seidensorten auf dem Rücken lassen sich in einer Stadt auf einen Schlag neun Rupien und eine Stadtmarke erlösen. All diese Mechanismen sind präzise aufeinander abgestimmt. Der Startspieler scheint zwar einen kleinen Vorteil zu haben, nur muss er diesen auch schaffen umzusetzen. Obwohl sich einzelne Partien ähneln und das Spiel nicht sonderlich variantenreich wirkt, finden sich immer neue Details, die es zu beachten gilt. Da wirklich jede einzelne Rupie spielentscheidend sein kann, können gerade kleine taktische Überlegungen wichtige Vorteile bringen. Zum Beispiel gibt es nur 17 Warenwürfel, nicht alle Seidenarten sind also gleich häufig. Wer Seide über einen Satz hinweg noch nicht verkauft, kann diese Sorte noch mehr verknappen. Manchmal lohnt ein kleiner Umweg, um einem Mitspieler dringend benötigte Seide wegzuschnappen. Der letzte Satz sollte besonders durchdacht sein. Sonst ist mehrmaliges Passen die wirklich einzig sinnvolle Alternative. Bei Aussicht auf dicke Geschäfte kann getrost in anderen Palästen eingekehrt werden. Umgekehrt sollte vor dem Bau der Paläste durchdacht werden, welche Pfade besonders attraktiv sein könnten. Nicht immer sind dies die Gleichen. Auch wer seinen Palast zu spät baut, wird von verödeten Landstraßen bestraft. Fatal wirkt sich auf all solch subtile Überlegungen aber das unbedachte Spiel von Einsteigern aus. Feinen BOMBAY-Kennern erscheinen sie wie trampelnde Elefanten im Porzellanladen.

Dabei lässt sich BOMBAY in fünf Minuten erklären. Da sowohl die Regeln als auch das Material gut durchdacht sind, spielt sich BOMBAY intuitiv. Einzig der Spielaufbau erinnert entfernt an typische Cosims. Doch spätestens in der dritten oder vierten Partie ist auch diese Herausforderung schnell gemeistert. Eine vermeintliche Regellücke will dann aber doch wirklich jeder Mitspieler ausnutzen: „Ich bekomme doch Rupien wenn ich selbst auf eigene Paläste ziehe?“ – „Nein, dann würden wir ja nicht mehr BOMBAY, sondern Elefantentennis spielen!“

Peter Nos

POSTSCRIPTUM:

Zentrum von Hyderabad

Bombay ist das erste von Peter rezensierte Spiel in der Fairplay. Bei der ersten Partie wurde schnell klar: Wer sich nur grob mit der indischen Geografie auskennt, gerät bei der auf dem Spielplan dargestellten Lage der gleichnamigen Stadt leicht ins Stocken – enthält der Name der Stadt die Bucht (“bay”) doch schon im Namen. Und schon bald war klar: Der inner-Nos’sche Indien-Experte nimmt sich des Spieles an.

Dank Peter war auch ich schon einmal in Indien, um ihn während eines längeren beruflichen Aufenthaltes für zwei Wochen zu besuchen. Die Erfahrung ist wirklich lohnenswert. Indien ist sicher kein Land für einen Erholungs- und Entspannungsurlaub – jedenfalls nicht, wenn man mehr als vier Hotelwände sehen möchte. Doch die intensive Konfrontation mit der für uns so fremden Kultur hat ihren eigenen Charme. Schon nach kurzer Zeit begann ich zu verstehen, weshalb eine indische Kollegin bei ihrem ersten Besuch in Deutschland ihren ersten Eindruck so schilderte: “In Germany, everything is so organized.” Bild von 1 von 3 Palästen
Prädikat
:
1 von 3 Palästen
Doch wer sich auf all das Chaos einlässt, darf sich auf eine wahre Flut an schillernden, gegensätzlichen, faszinierenden und krassen Eindrücken freuen.

Bei einem Wochenend-Besuch entstand das Foto des Palastes von Mysore – wir hatten Glück, dass genau an diesem Feiertag (26. Januar, Tag der Republik) die Illumination des Palastes abends angeworfen wurde. Die ganze Pracht ist hinter unserem Attribut “1 von 3 Palästen” versteckt – einfach mal draufklicken!

Kathrin Nos

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