Completto

Completto ist eines der Spiele, das in Spielerkreisen wahrscheinlich fast völlig untergeht. Als Teil der „Classic Line“ mit „extra großen Spielsteinen aus Holz“ in einer gediegenen roten Schachtel zielt es auch eher auf die Generation der „Silverager“. Doch hinter Completto verbirgt sich eine vollwertige Rack-O Variation und schon dies reicht uns für eine genauere Betrachtung.

Im Unterschied zu Rack-O sind aber zunächst alle Steine für alle Spieler verborgen. Jeder bekommt verdeckt und zufällig 17 aus 100 Steinen in einer geraden Reihe zugelost. Dazu kommen noch einmal 5 offene Steine, die aufsteigend beliebig in die Reihe der verdeckten Steine einsortiert werden dürfen. Dann geht es los. Ziel des Spiels ist es, 22 offene Steine aufsteigend ausliegen zu haben.

Um dies zu erreichen gibt es zwei Zugmöglichkeiten: Einen verbleibenden Stein aus der Mitte aufdecken und diesen mit einem verdeckten eigenen Stein austauschen. Ist das nicht möglich, da der Austausch keine aufsteigende Reihe ergäbe, muss der Stein offen in der Mitte bleiben. Das freut die Mitspieler, die ihn risikofrei nehmen können. Mit etwas Glück gelingt es zwei aufeinanderfolgende Zahlen nebeneinander zu legen. Dann gibt es einen Bonuszug als Belohnung. Eine nette Idee ist auch, dass sich einige Zahlen drehen lassen, so sind 6,16,18,19,66,68,86 auch als 9,91,81,99,89,98 nutzbar.

Als zweite Zugmöglichkeit ist es möglich einen verdeckten Stein an eine andere Stelle zu verschieben. Damit lassen sich Lücken schaffen, insbesondere im Endspiel ist es sinnvoll wenn z.B. direkt neben 30 die 39 folgt, zwischen ihnen einen Stein einzuschieben.

Bild von Completto

Die taktischen Möglichkeiten von Completto sind beschränkt. Schlimmer noch: Durch die Maserung der Holzsteine wäre es möglich zu mogeln. Doch beide Kritikpunkte gehen an der Intention des Spiels vorbei: Denn es macht einfach Spaß, ein paar Minuten an der Aufgabe zu basteln. Completto ist schnell vorbei. Noch schneller wird nach einer Revanche verlangt. Damit ist Completto mal wieder ein toller Kandidat um in abgeklärten Vielspielerrunden für positive Überraschungen zu sorgen. Und in lockeren Gruppen kommt das Spiel eh gut an.

Die klare, einfache Struktur des Spiels fordert natürlich auch heraus, das Spiel mathematisch etwas zu ergründen. Denn viele taktische Möglichkeiten gibt es nicht, und so könnte es hilfreich sein, die Erwartungen zu optimieren, einen passenden Stein zu ziehen. Ich vermute aber, dass sich tiefere Analysen nicht rentieren. Denn schon eine oberflächliche Betrachtung eines vereinfachten Solospiels ist ernüchternd: Sei P die Wahrscheinlichkeit einen Stein direkt nutzen zu können, dann sind im Schnitt P+3(1-P) Züge notwendig um einen Stein einzubauen, d.h. entweder es geht direkt, oder der erste Zug versagt, dann folgt ein Umbau und dann erst der Einbau. Wenn sich die Einbauwahrscheinlichkeit nach einer Verschiebung eines verdeckten Steins um d erhöht, so folgt für die durchschnittliche Zugzahl: 2(P+d)+4(1-P-d). Die Differenz der beiden Ausdrücke ergibt d=1/2.

Bild von 1 von 3 Meistern
Prädikat
:
1 von 3 Meistern

Dieses Ergebnis ist niederschmetternd, denn es sagt, dass eine Vorabverschiebung sich eigentlich nie lohnt, und vor allem ist sie unabhängig von P. Selbst wenn P = 0 ist, ist es in allen realistischen Fällen besser, erst einen Stein aufzudecken und nicht auf gut Glück zu verschieben. Nur falls die Erfolgsquote dadurch auf über 50% steigt, lohnt das Wagnis.

Damit bleibt Completto das, was es sein soll, und was von jeder Rack-O Variante verlangt wird: Ein lockeres Vergnügen für Momente, in denen seichte Unterhaltung gefragt ist.

Nachtrag: Wir mussten leider feststellen, dass Completto zu zweit im Endspiel kippt. Wenn immer ein Spieler einen Stein nicht einbauen kann, schafft der andere eine Lücke und baut ihn dann ein. Die Konsequenz wäre keinen Stein mehr zu ziehen, wenn die Chance für einen direkten Einbau gering ist. Dumm ist es nur, wenn alle Lücken schon so optimiert sind, dass die Erfolgswahrscheinlichkeit nicht mehr erhöht werden kann. Dann bleibt nur die Einigung auf ein Patt oder ein Spieler beginnt ein Risiko einzugehen und als Konsequenz höchstwahrscheinlich zu verlieren.

Wir haben eine Reihe von Variationen getestet, die alle unbefriedigend enden. So nett Completto zu dritt oder viert auch ist, als Zweipersonenspiel können wir es nicht empfehlen.

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