Viticulture

Bei Viticulture geht es um Workerplacement und um Siegpunkte. Soweit bietet das Spiel wenig Überraschendes. Seine Herkunft als Kickstarterprojekt lässt sich auch kaum verbergen, enthält es doch eine Reihe von Gimmicks mit zweifelhaftem Spielwert wie die ganzen kleinen Holzfiguren oder die Karten mit den Mamas und Papas, auf denen die Konterfeis sicherlich vieler Unterstützer abgebildet sind. Viele Mechanismen gab es ähnlich schon in vergleichbaren Spielen.

Und doch kommt Viticulture bei uns gut an. Denn die Komposition bekannter Elemente ist gut gelungen und trotz seiner Kickstartervergangenheit ist das Spiel erstaunlich knackig und kurzweilig, und der eigentliche Regelkern ist überraschend schlank. Ja, die Mechanik passt sogar mit ein paar Einschränkungen recht gut zum Thema.

Dass Rosé keine Mischung roter und weißer Trauben ist und Sekt selten aus zwei Teilen Rotwein und einem Drittel Weißwein besteht, ist selbst Gelegenheitssäufern wahrscheinlich wohlbekannt. Auch dass die durchs Lagern erreichbare Weinqualität kaum von der Größe des Kellers abhängt, ist kein Geheimnis. Dass neben der Farbe des Weines auch die Traubensorte oder die Mischung verschiedener Traubenarten wichtig für den Geschmack sind, ist vielleicht schon nicht mehr allen geläufig. Es kommt aber auch noch auf die Lage, den Jahrgang und einiges mehr an.

Spiele dürfen solche Details natürlich vernachlässigen. Ich kann mir aber schwer vorstellen, dass es wirklich Kunden gibt, die ihren Wein per lebenslanger Rente bezahlen. Aber wie gesagt, Viticulture macht Spaß, und trotz dieser und mehr thematischer Tücken sieht man sich in die Rolle von bodenständigen Winzern versetzt. Zumindest trifft Viticulture das Thema viel besser als alle anderen mir bekannten Weinspiele zusammen.

Bild von Viticulture

Der Spielrhythmus folgt den Jahreszeiten. Zu Beginn einer jeden Runde darf jeder Spieler entscheiden, ob er früh oder spät agieren möchte. Wer freiwillig den anderen den Vortritt lässt, bekommt größere Vorteile als Drängler, die unbedingt als erste drankommen wollen. Dabei ist die Spielreihenfolge wirklich wichtig, oft ist sie sogar wichtiger als die kleinen Vergünstigungen der hinteren Plätze. Deshalb rotiert das Recht, zuerst über die Spielposition entscheiden zu dürfen, auch gegen den Uhrzeigersinn.

Einmal im Jahr – im Herbst – gibt es für alle Spieler eine Besucherkarte. Diese Karten sind Glücksaktionen, die besser als normale Einsetzaktionen sein, aber auch für die eigene Spielsituation völlig unbrauchbare Optionen bieten können.

Wichtiger sind die Phasen Sommer und Winter. Dann kommen nämlich die Arbeiter zum Zuge. In jedem Jahr darf jeder Arbeiter aber nur einen Aktion durchführen. Im Winter stehen andere Aktionen als im Sommer zur Verfügung. Gut ist es, wenn es gelingt, etwas azyklisch zu spielen, d.h. in Jahren, in denen die anderen viel Zeit im Sommer verbringen, mehr Fokus auf den Winter zu legen und umgekehrt. Oft bleibt aber gar keine andere Wahl, als dem Getümmel zu folgen und die Aktionen so zu nehmen, wie es das Geschäft vorschreibt. Denn nur im Sommer ist es möglich, neue Reben zu erwerben, diese anzupflanzen, Weinberge zu verhökern oder zurückzukaufen und den Hof, mit z.B. größeren Kellern auszubauen.

Im Winter kommt die Zeit der Ernte, der Weinproduktion, der Auftragsannahme und des Verkaufs. Der Winter ist auch die Zeit neue Arbeiter anzuheuern. Da eine Partie Viticulture spätestens nach fünf oder sechs Jahren beendet ist, gilt es aber genau zu überlegen, ob es sich lohnt viele neue Arbeiter einzustellen, denn jeder kostet einen Zug und vier Geld. Geld wiederum ist sehr knapp. Neben Führungen im Sommer und dem Verkauf der Weinberge ist die natürliche Einnahmequelle des Winzers natürlich der Weinverkauf. Der ist auch die Quelle der meisten Siegpunkte. Diese gibt es gleich, die Einnahmen kommen als jährliche Raten.

Nach dem Winter, zwischen den Jahren, gibt es noch eine kleine Verwaltungsphase, in dem der gelagerte Wein an Qualität gewinnt. Das ist wichtig, da die Kunden bestimmte Mindestqualitäten verlangen.

All diese Elemente passen wirklich gut zusammen, es sind auch alle wichtigen Regeln auf dem Spielplan als Übersicht vorhanden, die Grafik des Plans ist auch gut gelungen. Überhaupt ist das Spiel liebevoll und durchdacht gestaltet. Und doch gestaltet sich der erste Einstieg ins Spiel schwerer als gedacht. Denn die Regel ist verwirrend schlecht geschrieben. Habe ich schon mal erwähnt, dass es mal eine gute Idee wäre, als Stretchgoal mehr Geld für die Bearbeitung von Spielregeln lockerzumachen? Viticulture hätte dies wirklich geholfen, besonders da der Ablauf im Detail der gewohnten
Bild von 1 von 3 Weinflaschen
Prädikat
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1 von 3 Weinflaschen

Workerplacement-Routine wiederspricht und erst im Laufe des zweiten Jahres einige Regelzusammenhänge klar werden. Hoffentlich bekommt die deutsche Ausgabe eine etwas besser strukturierte Spielregel. Dann wäre Viticulture endlich mal wieder ein mittelkomplexes, rundum gelungenes Spiel, das im positiven Sinne einfach nur gut ist.

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2 Kommentare to “Viticulture”

  1. Jan

    mir hat das Spiel beim ersten Mal auch sehr viel Spaß gemacht! Allerdings hatte ich sehr stark das Gefühl, das einige Karten deutlich zu stark oder zu schwach sind, gleich stark schienen sie mir nicht zu sein. Das fand ich um so ärgerlicher, weil man ja immer verdeckt zieht. Eine offene Auslage hätte ich hier deutlich stimmiger empfunden (und würde auch verhindern, dass einer Runde um Runde die falschen Auftragskarten zieht, ein anderer aber mit ein bisschen Glück 1-2 direkt passende). Ebenfalls hatte ich das Gefühl, dass am Anfang eine bestimmte Strategie recht deutlich durchgezogen werden sollte, um ein gute Ausgangsbasis zu schaffen. Aber nicht alle besitzen die Chance dazu, die beginnenden Personen erscheinen mir dabei deutlich im Vorteil. Das zieht sich dann auch weiter: Habe ich als Startspieler eine gute Basis gelegt, werden die anderen Bonusaktionen interessant – aber eben wieder nur für mich, denn die Hinterherhechelnden werden zu Beginn der Runde nun auf die ersten Bonusaktionen gehen müssen.
    Aus meiner Sicht leider die typischen Probleme von Kickstarterspielen. Ich hoffe sehr, dass die angekündigte Auflage bei Lookout sich dieser Probleme annimmt. Denn auch wenn es mit Vinhos schon vergleichbares zum Thema gibt, da ist sicher Potential was richtig Rundes hinzulegen. Und 90 Minuten? Bei uns exclusive Erklärung eher Richtung 150, die sich aber eher wie 90 angefühlt haben.

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