Egizia

Welcher Spieleautor reimt sich auf Egizia? – Knizia?

Doch obwohl Knizia schon so manches ägyptische Spiel zu verantworten hat, spielt der Titel nicht auf ihn sondern das italienische Autorenteam “Acchittocca” an. Denn Egizia ist das italienische Wort für altägyptisch. Sonderlich einprägsam ist der Titel für durchschnittliche deutsche Ohren leider nicht. Der erfahrene Messebesucher in Essen kaschierte diese Probleme mit einem beherzten Hüsteln: “Und was hältst du von Egisonstewiehusthust?” Jeder der sich der Bedeutung Worte “Klaatu Verata Nektu” bewusst ist, weiss, dass man damit nicht scherzen sollte. Wem “Klaatu Verata Nektu” nichts sagt, sollte sich mal “Army of Darkness” ansehen.

Die Acchittocca Autoren schufen auch die Spiele Comuni und Maestro Leonardo, und deren Stil findet sich auch in Egizia unverkennbar wieder. Dabei ist Egizia um einiges eingänglicher zu spielen. Es geht mal wieder ums Errichten sakraler Bauten im alten Ägypten. Obwohl der Spielplan und einige Regeldetails zum altägyptischen Thema passen und ein wenig Atmosphäre aufkommen lassen, schert sich der Grobablauf keinen Deut um die historischen und geschichtlichen Hintergründe.

In fünf Runden gilt es Siegpunkte zu sammeln. Die Runden sind grob zweigeteilt. Im ersten Teil werden Schiffe abwärts entlang des Nils gesetzt, um Nahrung zum Essen, Steine zum Bauen oder neue Arbeiter zu erwerben. Abgrasen oder Ausbeuten sind vielleicht bessere Begriffe. Denn die Waren, Arbeiter und sonstigen Sonderkarten gibt es umsonst. Entlang des Nils gibt es auch drei Baustellen: Im Oberlauf die Sphinx, im Mittelteil die Gräber des Tal der Könige und einen Obelisken sowie im Unterlauf einen Tempel und eine große Pyramide.

Zwei Dinge machen diese Einsetzphase interessant: An den drei Baustellen können nur drei von vier, bzw. zwei von drei Spielern in einer Runde bauen. Siegpunkte gibt es eigentlich nur fürs Bauen. Im Zweierspiel gibt es keine Bauplatzknappheit. Deshalb verliefen die Runden zu zweit auch recht langweilig. Wegen der Enge auf den Baustellen wäre zu erwarten, dass diese zuerst besetzt werden. Das verhindert aber die zweite interessante Regel: Es darf immer nur nilabwärts gebaut werden. Wer schnell auf seinen Lieblingsbauplatz schippert, verzichtet auf viele andere Einsetzmöglichkeiten. Im ersten Spiel übersah ich diese Regel, worauf uns Egizia stinklangweilig vorkam.

Nur auf die Bauplätze dürfen überhaupt mehrere Spieler einsetzen. Diese Idee ist zwar nicht mehr sonderlich neu, zusammen mit der Nilabwärtsregel ergibt sich aber ein spannendes Dilemma: Ist es sinnvoller, schnell aufs wichtigste Feld vorzupreschen – oder per Eichhörnchenstrategie alle möglichen Gaben und Waren einzusammeln?

Nach dem Einsetzen kommt es zu einer kleinen Versorgungsphase. Alle Arbeiter wollen nun etwas zu essen bekommen. Dafür werden Getreidefelder benötigt. Wer nicht genügend Nahrung besitzt, muss 1, 2 oder 3 Siegpunkte pro unversorgtem Arbeiter abgeben. Deshalb stürzen sich viele Spieler in der Einsetzphase auf alles Essbare und vermeiden es, zu viele neue Arbeitskräfte anzuheuern, um schließlich ihren dicken Arbeitern doppelt viel Weizen zum Frass vorzuwerfen.

Tipp für risikoorientierte Spieler: Es reicht maximal soviel Weizen zu horten, wie Arbeiter angestellt sind. Vor die Wahl gestellt bringt ein Steinbruchfeld immer mehr Siegpunkte als hungrige Arbeiter solche kosten. Auch wenn es zunächst anders wirkt, schadet es nicht, ein paar Arbeiter zuviel zu beschäftigen. Wie so oft kommen die dicken Siegpunkte am Schluss, dann werden aber viele Arbeiter und Steine benötigt. Dies sollte schon in den ersten Runden vorbereitet werden. Ferner darf der Spieler mit den wenigsten Punkten die nächste Runde beginnen, und in der Einsetzphase hat der Startspieler einen dicken Vorteil.

Bild von Egizia

Schließlich folgt mit der Bauphase die zweite Rundenhälfte. Der Spielregel ist bei der Erklärung dieser Phase ein Husarenstück gelungen: Noch verwirrender kann der eigentlich einfache Mechanismus kaum erklärt werden. Jeder Spieler hat drei reguläre Bautrupps und eine Gruppe von Hilfsarbeitern (euphemistisch Joker genannt). Die Bautrupps umfassen einen bis neun Arbeiter. Pro Bauplatz kann nur ein Bautrupp genutzt werden, und die Hilfsarbeiter können bei einem Bauplatz zusätzlich aushelfen. Die Anzahl an Bauarbeitern gibt vor, wie viele Steine verwendet werden können. Pro Stein gibt es einen Siegpunkt, es müssen aber immer vollständige Bausbschnitte gebaut werden, die verschieden viele Steine benötigen. Fertig gestellte Bausabschnitte werden mit einem steinförmigen Holzklotz des Spielers markiert. Pro Baustelle gibt es nach dem Bauen kleine oder große Belohnungen. Besonders lukrativ ist die Sphinx, die Auftragskarten vergibt, welche zu Spielende eine Menge Sondersiegpunkte bringen.

Die Bauregeln werden vom Spielmaterial nicht sonderlich gut verdeutlicht. So gibt es Probleme bei der Unterscheidung “Hilfstrupp” gegenüber normalen Bautrupps. Dass Bauarbeiter nicht verbraucht werden, sondern jede Runde neu eingesetzt werden können, wird auch manchmal vergessen. Immer wieder dachten Mitspieler, dass jeder Arbeiter auch einen Stein braucht. Dabei stellen die Arbeiter eher das Baupotenzial dar. Die Krone der Verwirrung stiftet aber immer die Tatsache, dass für einen Bauabschnitt zwar mehrere Steine benötigt werden, er aber nur mit einem Stein markiert wird. Doch einmal verstanden ist das Bauen ziemlich einfach.

Es gibt noch einiges mehr an Sonderpunkten und Extraregeln. So gibt es noch den Steineverkauf. Manchmal darf dort vorgerückt werden, beim vierten Mal bekommt man kostenlos 3 Steine. Steinhandel wäre ein besserer Name für diese Skala. Ähnlich funktioniert der Getreidemarkt, der die Siegpunktstrafe für Unterversorgung bis auf 1 reduziert. Diese beiden Skalen sollten möglichst weit entwickelt werden. Insbesondere ohne Extrasteinlieferungen ist Egizia kaum zu gewinnen.

Wenn die Regeln einmal verstanden sind, ist Egizia ein ausgesprochen flottes und unterhaltsames Strategiespiel mittlerer Komplexität. Kleinere Spielfehler führen nicht zum sofortigen Verlust der Partie. Es gibt zwar einiges zu bedenken, aber wenig zum Grübeln, und die Auswirkungen der meisten Aktionen wirken sich schnell auf das Spielgeschehen aus. Der Einsetzmechanismus bietet einige Interaktionsmöglichkeiten, der Spielverlauf ist dabei gut planbar. Die schöne Gestaltung des Spielplans rundet das Spielerlebnis schließlich angenehm ab.

Wie schon erwähnt ist die Spielregel unnötig kompliziert geschrieben. Eine Reihe von Extraregeln müssen immer wieder nachgeschlagen werden. Überhaupt sind der Spielplan und das Material nicht sonderlich intuitiv gestaltet. Viele ähnlich komplexe Spiele bieten einiges Mehr an Spielunterstützung. Nach zwei bis frei Partien schwinden diese Probleme. Dann fällt aber immer mehr der Startspielervorteil auf. Wer es schafft, immer knapp die letzte Position einzunehmen, kann schneller beim Steinverkauf und am Getreidehandel voranschreiten. Denn das begehrte erste Feld am Nil erlaubt den Fortschritt auf beiden Leisten. Er wird auch mehr Sphinxaufträge ergattern können. Dort lohnt es sich übrigens immer fünf Steine zu investieren, um mehr Auswahl an Karten zu haben. Einige Aufträge lassen sich sehr einfach erfüllen, andere gut kombinieren. Mit ihnen sind weitere Bauvorhaben besser planbar. Beim Bau ist zwar jeder Stein erstmal nur einen Siegpunkt wert, durch Auftragskarten und Belohnungen werden eher zwei Siegpunkte pro Stein ausgezahlt. Damit wird klar, weshalb die Ernährung der Arbeiter nur nebensächlich ist. Trickreichere Strategien sind uns bisher nicht eingefallen. Damit ist Egizia zu geradlinig und nicht abwechlungsreich genug, um im übersättigten Bereich der anspruchsvollen Strategiespiele zu überzeugen.

Abschliessend ein paar Zeilen zum Thema. Bei der Pöppelkiste wurde schon zu Recht auf einigen thematischen Murks hingewiesen. Es gibt aber auch ein paar passendes Detail, nämlich die zentrale Bedeutung des Nils im Leben Ägyptens, die durch die Einsetzphase thematisiert wird. Bevor riesige Staudämme die Wassermassen regulierten, war Ägypten vom Ausmaß der jährlichen Überschwemmungen abhängig. Auch heute bringt der Nil jedes Jahr neuen Wohlstand ins Land.
Bild von 1 von 3 Nilschiffen
Prädikat
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1 von 3 Nilschiffen

Nun sind es aber die Touristenmassen, die jahrein, jahraus den Nil entlang Devisen anschwemmen. Hunderte von gleichartigen Nildampfern werden von Einheimischen belagert, um wertvolle Souvenirs zu verhökern. So blieb das Leben nicht nur während der Jahrtausende der Pharaonenherrschaft immer gleich, es hat sich noch immer nicht wirklich etwas geändert. (Die Vergrößerung des Prädikats zeigt dies im Detail).

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