Ra – The Dice Game

Erstveröffentlichung im Januar 2010 in der Fairplay 90.
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Thema und Mechanik

Mit nur fünf Würfeln wurde das Reich der Pharaonen erschaffen. Je dreimal wurden sie geworfen, um dann gewertet zu werden. Es gab Pharaonen, Parzellen am Nil, Zivilisationen, Monumente – und es gab Opfer für Ra.
Diese Opfer beschleunigten entweder den Lauf der Zeit oder brachten Siegpunkte oder ließen Katastrophen über die Mitstreiter hereinbrechen. Der Fortschritt von Ra brachte auch die beiden Zwischenwertungen sowie das Spielende mit seiner Schlusswertung.
Siegpunkte gab es für die meisten Pharonen, für jede Pazelle am Nil, für mehr als zwei Zivilisationen und für viele gleiche oder verschiedene Monumente. Minuspunkte gab es für die wenigsten Pharaonen und für Reiche ohne Zivilisation.
Doch gab es für den Erwerb von Punkten spezielle Regeln: Der Nil benötigte eine Überschwemmung. Dazu mussten drei Würfel Wassersymbole zeigen.
Allein für eine Zivilisation waren drei Zivilisationssymbole notwendig, aber schon vier oder fünf Würfel brachten gleich zwei oder drei von ihnen. Eine Pyramide reichte schon für ein Monument, für drei gab es zwei und für fünf sogar drei Prachtbauten. Nur durften die Extrabauten nicht zum wiederholten Bau schon errichteter Gebäude verwendet werden.
Diese und noch mehr Regeln machten das Leben im altem Ägypten nicht gerade einfach.

Optik und Haptik

RA – THE DICE GAME protzt mit seiner hochwertigen und umfangreichen Ausstattung. Die fünf Würfel sind aus geprägtem Kunststoff und liegen angenehm in der Hand. Es ist eine wahre Freude mit ihnen zu würfeln. Nur beim Design des gelben Würfels mit weißen Symbolen gab es wohl einen Blackout. Frage an die Produzenten: Welcher der folgenden Begriffe wird nur selten verwendet, und welchen Grund könnte dies haben? „Schwarz-Weiß Malerei“, „Schwarz-Weiß Fotografie“, „Kontrastreich“ , „Gelb-Weiße Würfel“? Passend zum gelben Würfel ist der Spielplan in kontrastarmen Pastellfarben gehalten.

Vergleich zum Original und Kniffel

Zwei der drei Komponenten des originalen Ra wurden in der Würfelausgabe übernommen: Die Bewegung des Ra-Steines und die Wertungsregeln. Der Versteigerungsteil entfiel jedoch ersatzlos. Damit bleibt das Spielgefühl zwar weitgehend erhalten, große Teile der Spannung und Interaktion gehen aber verloren.
RA – THE DICE GAME erinnert nur entfernt an KNIFFEL, da wieder einmal mit fünf Würfeln in drei Würfen Kombinationen erwürfelt werden. Das Würfelergebnis wird jedoch auf mehrere Kategorien verteilt, und die Anzahl der Runden zwischen zwei Wertungen variiert.

Gesamteindruck

Der Einstieg ins Spiel gestaltet sich überaus holprig. Nach einigen Runden bekommt man zwar den Dreh raus, wie sich die Würfelei leichter erklären lässt. Die vielen Einsetz- und Wertungsregeln bleiben aber weiterhin verwirrend. Zwar sind genügend vollständige Kurzübersichten vorhanden, auf dem Spielbrett sind aber keine Hilfen angegeben.
Nach den ersten Partien wollte ich diese RA Variation schon als belanglos und langweilig ad acta legen, da ein klassisches RA-Spiel gleich schnell gespielt ist und ungleich spannender verläuft. Als reines Würfelspiel bietet es aber einige interessante taktische Möglichkeiten, die sich erst im Laufe mehrerer Runden offenbaren. So lassen sich sowohl Rundenende als auch Katastrophen forcieren, und beim Bau von Monumenten sollten die Aktivitäten der Mitspieler genau beobachtet und gezielt gestört werden. Auch zu zweit ist die Würfelei recht kurzweilig.
Vorbehaltlos empfehlen kann ich das Spiel aber trotzdem nicht, denn alle meine Testpartien gingen ausnahmslos verloren. Offensichtlich ging im Lektorat der Spielregeln ein wichtiger Passus verloren: Spielekritiker dürfen noch eine vierte Epoche allein würfeln!

Karl-Peter Nos

POSTSCRIPTUM:

Bild von Ra - Würfelspiel

Die Götterwelt der Ägypter ist hochgradig verwirrend. Zunächst erscheint zumindest die Sache mit Ra als Sonnengott vom Dienst einleuchtend. Direkt verehrt wurde Ra aber wohl nur selten. Dafür gab es dutzende andere Göttergestalten, wie zum Beispiel allerlei Horusableger. Die Schachtel von Ra ziert zum Beispiel ein Bildnis von Harachte, ein Falkengott der Morgensonne. Geübte Ägyptologen zählen dies wahrscheinlich als Beleg für den Einfluss Ägyptens auf die moderne Kultur, wie am Spruch: “Der frühe Vogel fängt den Wurm!” leicht zu erkennen ist. Dazu passt auch, dass Seth, der Gegenspieler von Horus, gern als unbekanntes Tier, als Nilpferd, als Krokodil oder eben als Schlange aufgefasst wurde. Nun hatten die Ägypter einige tausend Jahre Zeit, ihren Götterkanon zu gestalten. Dabei wurden so ziemlich alle Tiere und Erscheinungen zu Göttern erhoben. Viele Götter durften auch mal die Seiten zwischen Gut und Böse wechseln oder per Jobrotation die Aufgaben anderer übernehmen. Verständlich oder logisch ist dies alles nicht, dann würde aber wohl der göttliche Charakter verloren gehen.

Bild von 1 von 3 Reliefs
Prädikat
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Was hat dies nun alles mit Ra – dem Würfelspiel zu schaffen? – Nun, auch der Ra-Spielekanon wächst unaufhörlich. Über Ra, Razzia, Ra Würfelspiel und Priests of Ra geht so langsam die originale Spielidee verloren. Bestimmt gibt es bald noch ein Ra-Kartenspiel oder ein Ra Junior. Welches Ra zu welchem Anlass und für welche Zielgruppe nun am Besten geeignet ist, kann kaum noch durchblickt werden. Mein persönlicher Favorit ist und bleibt das originale Ra.

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