$chwarz€r Fr€itag

Die Entstehungsgeschichte von $chwarz€r Fr€itag ist hinlänglich bekannt. Bei diesem Konzeptspiel sollen nicht nur Thema, Titel und Aufmachung zum Kauf animieren. Auch der Schaffungsprozess wird werbewirksam eingesetzt. Mit Blick auf den gelieferten Spielspaß pro Euro ist dies zwar nur Marketingfirlefanz, dem Gesamtkunstwerk Spiel und der Wahrnehmung des Spielens als Kulturgut sind solche Aktionen aber durchaus zuträglich. Das Spiel rückt zu Gunsten des Autors in den Hintergrund. Mit $chwarz€r Fr€itag wird also nicht nur ein Spiel, sondern auch eine Geschichte erworben. Das mit der Schachtel und der Regel immanent verknüpfte Spielerlebnis wird also mit einer weiteren transzendentale Bedeutungsebene verwoben.

Mit anderen Worten: Falls das Spiel nix kann, kann immer noch über Friedemann getratscht werden.

Bild von Schwarzer Freitag

Was kommt nun aber heraus, wenn immer nur freitags, dafür aber auch wirklich jeden Freitag, an einem Spiel gearbeitet wird? – Die Antwort ist einfach: Ein staubtrockenes abstraktes Wirtschaftsspiel – nicht unbedingt unlustig, für empfindliche Mägen aber schwer verdaulich. Einen gewissen Anteil hat dabei die Spielregel, die – ganz dem Konzeptspielgedanken verschrieben – nicht etwa helfen will, das Spiel zu verstehen, sondern die Gedanken des Autors in den Mittelpunkt stellt. Ähnlich wie Karl Klammer führt eine Möchtegern-Friese-Friedemann Comicfigur durch die Regel und gibt zu jedem zweiten Absatz ihren Senf dazu. Dies hilft zwar ratlosen Spielern, wenn sie in der Regel blättern und sich wundern, wozu wohl dieses oder jenes Regeldetail notwendig sein könnte, verhindert aber den Blick auf die eigentliche Mechanik. Diese wiederum versteckt sich auch noch gut hinter einer wirren Anordnung von Detailregeln und Beispielen, sowie grellen lila und hellgrünen Textboxen auf dunkelgrünem Hintergrund. Geschickt wurde auf eine Erklärung des Spielmaterials, eine Regelübersicht und eine Zusammenfassung des Spielablaufs verzichtet. Damit werden die Spieler gezwungen, sich endlich einmal schon vor dem Spiel intensiv mit Regel, Material und den Ansichten des Autors auseinanderzusetzen. – Bravo.

Dabei ist das Spiel gar nicht so kompliziert. Es geht um Siegpunkte in Form von Silberbarren, die im Lauf des Spiels immer teurer werden. Jeder hat reihum genau eine Aktion: Entweder Aktien kaufen oder Aktien verkaufen oder Silber kaufen oder passen. Es gibt fünf verschiedene Aktiensorten in Form bunter Köfferchen. Der Markt ist begrenzt und wie viele Aktien gekauft oder verkauft bzw. Silberbarren gekauft werden dürfen, hängt vom Spielstadium ab. Geht es am Anfang nur in kleinen Schritten vorwärts, so sind später größere Transaktionen erlaubt. Nach jeder Aktion wird ein Aktienkoffer auf eine spezielle Leiste gelegt oder von ihr entnommen. Wenn eine Aktion fünf Mal durchgeführt wurde (d.h. nach dem fünften Aktienkauf, dem fünften Verkauf, dem fünften Silbererwerb) kommt es zu einer größeren Preisänderung. Dann ändert sich das Angebot der Aktien, der Preis von Silber, sowie die Aktienpreise werden verändert. Dazu werden Aktien aus einem Stoffbeutel zufällig gezogen.

Im Lauf des Spiels werden auch schwarze Köfferchen in den Beutel geworfen und bilden so die sechste Farbe. Werden diese gezogen, kann es zum Börsencrash kommen. Das Spiel endet, wenn der Silberpreis bei 100 angelangt ist. Die restlichen Aktien dürfen dann noch verkauft werden und alles verbleibende Geld wird in Silber gewandelt.

Das regelgerechte Spiel ist im Detail um einiges schwieriger, da eine Vielzahl von Nebenbedingungen beachtet werden müssen, die kleinere und größere Kursänderungen bewirken können. Ausnahmsweise liste ich diese einmal vollständig als Spielhilfe auf:

  • Spielaufbau:
    • Kein Geld verteilen,
    • Verkaufsleisten bestücken,
    • Markt: 4 Aktien jeder Sorte,
    • Beutel: 10+”Anzahl Spieler” Aktien pro Sorte (zu fünft sind das alle).
    • Keine schwarzen Koffer in den Beutel werfen!
    • Jeder zieht geheim 5 Startaktien,
    • Weitere 20 Aktien aus Beutel ziehen und in den Markt legen.
  • Im Spiel:
    • Wenn eine Aktiensorte aufgebraucht ist –> leichte Kurserhöhung (nach rechts).
    • Wenn eine Aktiensorte dreimal in einer Leiste liegt –> leichte Kurserhöhung (nach rechts).
    • Bei Aktienkauf: Eine Aktie einer der gekauften Sorten vom Markt auf Kaufsleiste legen.
    • Bei Aktienverkauf –> leichte Kurssenkung (nach links) einer der verkauften Sorten. Dann eine Aktie einer der verkauften Sorten der Verkaufsleiste entnehmen und in den Markt legen.
    • Silberkauf –> Einen beliebigen Aktienkoffer vom Markt auf die Silberleiste legen und jedes gekaufte Silber auf Silberleiste abtragen.
    • Passen ist effektiv das Gleiche wie ein Kauf von Null Silber, d.h. ein Aktienkoffer wird vom Markt auf die Silberleiste gelegt.
    • Zur Preisänderung kommt es wenn:
      • Auf der Silber oder Aktienkaufleiste 5 (bzw 6 bei 5 Spielern) Koffer liegen.
      • Auf der Aktienverkaufleiste nur noch 5 (bzw 4 bei 5 Spielern) Koffer liegen.
  • Preisänderung:
    • Erst Zinsen für Subvention bezahlen,
    • Dann Koffer entsprechen Stufe aus Beutel ziehen,
    • Silberpreis um Anzahl gezogener schwarzer Koffer erhöhen.
    • Wenn genau ein schwarzer Koffer gezogen wurde –> zurück in den Beutel mit ihm.
    • Aktienpreise entsprechend Tabelle anpassen. Dabei schwarze Koffer abziehen.
    • Gezogene Koffer in den Markt legen. Schwarze Koffer zurück in den Vorrat.
    • Gibt es jetzt von einer Aktiensorte immer noch keine im Angebot –> Starke Preiserhöhung (nach oben). Für diese gab es effektiv eine mittelgroße Erhöhung nach links oben (links, da sie nicht gezogen wurde, nach oben, da sie nicht vorhanden sind).
    • Aktien der Leiste, die die Preisänderung ausgelöst hat, in den Beutel werfen (inkl. schwarzer Koffer neben der Verkaufsleiste),
    • Wenn jetzt eine höhere Stufe erreicht wurde –> Stufe anpassen und entsprechend der Stufendifferenz weitere schwarze Koffer in den Beutel werfen.
    • Für je drei gekaufte Silber wird der Silberpreis um eins erhöht. Dann Silberleiste auf 0 setzen.
    • Spiel fortsetzen!
  • Achtung:
    • Aktien, die rechts anstoßen, steigen stattdessen nach oben!
    • Aktien, die links anstoßen, fallen stattdessen nach unten!

Diese umfangreichen Verwaltungsarbeiten sollten von nur einem Spieler vorgenommen werden.

$chwarz€r Fr€itag kann überaus spannend und unterhaltsam sein. Dafür muss sich die Gruppe auf das Spiel einlassen und konzentriert Spielfehler vermeiden. Kleinste Regelfehler können nämlich das gesamte Spiel zum Kippen bringen. Selbst wenn alles richtig gemacht wird, ist es schwer zu überblicken, wie sich das Spiel entwickeln wird. Es kann passieren, dass einzelne Spieler schon früh einen großen Vorteil bekommen. Deshalb ist es in ernsthaften Gruppen ohne Bauchherrschaft notwendig, dass von Anfang an das Spielgeschehen genau analysiert wird. Bauchbetonte Gruppen können das Spiel aber auch einfach genießen und sich dem Auf und Nieder der Kursachterbahn hingeben.

Doch was kann beachtet werden?

Zunächst sollte die Anzahl der im Umlauf befindlichen Aktien beobachtet werden. Wieviele Aktien sind von einer Sorte höchstens im Beutel? Die Kofferverteilung im Beutel bestimmt die nächste Preisänderung. Die Aktienverteilung auf den beiden Kauf- und Verkaufleisten beeinflussen die übernächsten Preisänderungen. Diese Prognose für die mittel- und langfristigen Kursänderungen ist natürlich ungenau.

Aktien auf der linken Seite der Kurstabelle sind weniger attraktiv. Die Steigerungsmöglichkeiten sind kleiner und es herrscht die Gefahr, das Aktien am linken Rand anstossen und damit rapide fallen.

Aktien auf der rechten Seite der Kurstabelle sind hingegen sehr attraktiv. Die Steigerungsmöglichkeiten sind groß, wenn sie am rechten Rand anstossen und schnell zu steigen beginnen.

Praktisch ist es natürlich, Aktien im Höhenflug zu verkaufen. Dabei gibt es die Wahl, sie weiter klettern zu lassen, indem für die Kurskorrektur noch eine andere Aktie verkauft wird. Oder der Kurs der Aktie wird gedrückt, um den Mitspieler den Spaß am Kursfeuerwerk zu verderben. Dazu sollte auch der Zeitpunkt der nächsten Preisänderung genau beobachtet werden. Insgesamt lohnt es der Masse zu folgen. Aktien allein zu horten ist schwierig und von begehrten Aktien nur eine oder keine zu besitzen, ist oft fatal.

Silber kann entweder früh und billig oder später teuer gekauft werden. Der Preis ändert sich im Laufe des Spiels um den dramatischen Faktor fünf. Auch wenn es immer eine ganze Aktion kostet und zu Spielbeginn nur wenig Silber gekauft werden darf, kann sich ein früher Kauf damit lohnen. Später ist es oft aber sinnvoller, die Aktionen für weitere Spekulationen zu nutzen. Ob zum Beispiel fünf Silber nun zum Stückpreis von 90 oder 100 gekauft werden, macht auch nur noch 50 oder einen halben Siegpunkt Unterschied. Dass mit dem Silberpreis aber auch das Spielende gesteuert wird, sollte auch bei Kaufüberlegungen berücksichtigt werden.

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Prädikat
:
1 von 3 Geiern

$chwarz€r Fr€itag bietet neben Marketingfirlefanz also eine ganze Menge Spielspaß pro €. Leider ist einiges an Durchhaltevermögen notwendig, um dies zu entdecken. Ich kann nur raten nicht nach der ersten vermurksten Partie aufzugeben, sondern dem Spiel mindestens zwei Chancen zu geben. Wenn es dann noch nicht gefällt – nun, dann ist es halt wie mit moderner Kunst: Der größte Spaß bei ihr ist der Streit über sie.

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One Kommentar to “$chwarz€r Fr€itag”

  1. Dieter Niehoff

    Gut getroffene Rezesnion. Die Regel ist echt völliger Unsinn. Seltsam, dass das bei Kosmos niemand kontrolliert. Ich wollte das Spiel nach zwei fehlgeschlagenen “Eigenversuchen” bereits entsorgen, bis ich Gastspieler in einer anderen Runde wurde, in der einer am Tiusch das Spiel trotz der Regel genauestens kannte. Und siehe da: Es flutschte.

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