Millionen von Schwalben

Erstveröffentlichung am 10.12.2006 bei Hall9000.
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16 Teams treten zur Weltmeisterschaft an! Die Spieler übernehmen dabei abwechselnd die Rollen der Trainer und der Schiedsrichter. Auch als Zuschauer ist man gespannt dabei, denn zu Beginn hat jeder seine Wetten abgegeben, und was zum Schluss zählt, ist der rollende Rubel!

Zur Weltmeisterschaft treten als gesetzte Teams an: Argentinien, Brasilien, Frankreich, Deutschland. Nach Gutdünken der Spieler werden weitere 12 Teams ausgewählt oder gelost, die die 4 Vorrundengruppen komplettieren. Bevor es an die Gruppenauslosung geht, werden die Trainer-Jobs verteilt, etwa indem sich reihum jeder immer eine Mannschaft aussucht. Nach der Gruppenzuteilung spielen nie mehr als zwei Mannschaften eines Trainers in derselben Gruppe. Nun wird gewettet. Auf Deutschland muss jeder wetten, weitere Wetten sind nur durch das zur Verfügung stehende Kapital von 100 Millionen Rubel begrenzt.

Doch schauen wir uns zunächst an, was ein Land so alles kann. Dazu ist es hilfreich, den Spielmodus zu verstehen. Vor dem Anpfiff wird der Schiedsrichter bestimmt, der aus den Reihen der anderen Trainer kommt. Eine Partie besteht aus abwechselnden Angriffen, die per Abseits oder Foul vorzeitig, sowie per Torhüter nach erfolgreichem Torschuss gekontert werden können. Entsprechend hat jedes Team Angriffskarten, die entweder einen Angriffs- oder einen Foulwert besitzen. Um einen Angriff in ein Tor zu verwandeln, wird mit einem Würfelwurf der Erfolg überprüft: Würfelzahl + Angriffswert = 7 oder mehr? Prima – der ging ins Tor! Es sei denn, der Gegner hat eine passende Defensivkarte auf der Hand, womit wir bei der zweiten Kartenart wären. In dieser Situation wird eine Goalie-Karte benötigt, die direkt die obige Summe um ihren Wert drückt. Sie wird also nur gespielt, wenn die magische Schwelle von 7 damit unterschritten wird. Rote Sonderkarten bergen eine kleine Überraschung, denn unter ihnen gibt es sowohl Angriffs- als auch Defensivkarten.

Erscheint dem Gegenteam der Angriffswert aber bereits direkt beim Ausspielen zu riskant zu sein, kann mit einer Offside- oder einer Foulkarte gegengesteuert werden. Beide Male wird wieder im selben Modus gewürfelt: Kartenwert + Würfelwurf = 7 oder mehr? Prima – der Schiedsrichter pfeift auf Abseits und der Angriff ist gestoppt. Prima auch beim Foul? Mitnichten! Der Schiedsrichter sieht die miese Attacke und pfeift auf Freistoß oder Elfmeter (abhängig von der Distanz zum Tor, die im Kartentext angegeben ist – Freistoß hat einen Angriffswert von 2, der Elfmeter einen Wert von 5). Der schöne Angriff ist dennoch vermiest. In beiden Fällen hat der Schiedsrichter jedoch einen Ermessensspielraum und kann bei grenzwertigen Würfelergebnissen entscheiden, ob er ein Offside oder Foul nicht doch gesehen hat (bei einer Summe von 6) oder ein eigentlich ersichtliches Ereignis übersieht (bei der 7). Eine kleine, im Spiel durchaus erlaubte Bestechung kann hier zu eigenen Gunsten nachhelfen. Ein spezielles Foul kann bei manchen Angriffskarten durchgeführt werden – die namensgebende Schwalbe. Hier würfelt man ebenfalls auf Foulwert + Würfelwurf = 7, allerdings mit dem Ziel, gesehen zu werden und um einen Freistoß bzw. Elfmeter herauszuschinden.

Abwechselnd spielen die Trainer nun Angriffskarten aus. Der Einsatz von Defensivkarten ist in jedem Fall optional. Jederzeit kann man entscheiden, keine weiteren Angriffe zu spielen, was jedoch weitere Torchancen ausschliesst. Sobald auch der Gegner genug hat, endet die Partie. In der Vorrunde werden nun Punkte (3 bei Sieg, 1 bei Unentschieden) vergeben, sowie die Tordifferenz ermittelt. Die zwei punktbesten Mannschaften kommen nach den drei Vorrundenspielen der Gruppe ins Viertelfinale, in dem dann das Knock-Out-Verfahren beginnt. Ab jetzt können auch eine Verlängerung (erneutes abwechselndes Spiel von Angriffskarten) oder Elfmeterschiessen (jeder hat 5 Torschüsse mit dem Angriffswert 5) zur Entscheidung herangezogen werden.

Nach diesem Exkurs über das Spielsystem zurück zu den Wetten: Jedes Team hat eine Startausstattung an Karten, deren Anzahl die Wettquote angibt. Kartennachschub ist streng limitiert: Nach jeder Partie werden exakt 4 Karten ausgeschüttet – entweder zu gleichen Teilen bei einem Unentschieden, oder mit einem Vorteil für den Sieger des Spiels. Gewettet wird unter festen Auszahlungen auf Erreichen mindestens des Viertelfinals (bringt 16 Mio Rubel), des Finales (36 Mio) oder auf Spielsieg (56 Mio). Ein zusätzlicher, kleinerer Ertrag ist über die Trainerprämien drin. Gewonnen hat, wer zum Schluss die meisten Rubel besitzt.

Nein, der Einstieg in Millionen von Schwalben ist nicht ganz leicht. So wurden in der schon nicht kurzen Beschreibung oben noch einige Details verschwiegen. Auch der Spielplan, auf dem alle Ergebnisse handschriftlich festgehalten werden, ist nicht so wirklich übersichtlich. Alles muss irgendwie sinnvoll eingetragen werden, und dann hätte man gerne noch einen guten Überblick darüber, in welcher Vorrundengruppe es wie aktuell steht. Wir haben nach einigen Partien des Ausprobierens mit verschiedenen Methoden entschieden, doch kein kleines Computerprogramm zur Verwaltung zu schreiben, sondern haben immer sofort Striche für die Tore und Spielpunkte in der Vorrunde gemacht. So kann man den aktuellen Spielstand nachhalten und sehen, wer wie viele Punkte und Tore hat, ohne die Zahlen immer wieder durchstreichen zu müssen.

Nach Aufbau, Verteilung der Länder und Gruppenauslosung geht es zunächst an das Abschliessen der Wetten. Hier kann schon einiges in Erwägung gezogen werden: Wie stark sind die einzelnen Mannschaften – und welche Gruppengegner haben sie? Vielleicht werfe ich sogar einen Blick auf die möglichen späteren Viertelfinalbegegnungen? Wie in der echten WM auch ist der gesamte Weg vorgezeichnet. Eine Konsultierung der Kartenausstattung der eigenen Teams kann auch hilfreich sein – viele Karten bedeuten nicht zwangsläufig hohe Spielstärke, wenn viele niedrige Angriffswerte dabei sind….

Vor dem ersten Anpfiff haben wir also schon einige Spielzeit hinter uns. Die ersten Begegnungen werden ein wenig länger dauern, wenn das Spielsystem noch nicht allen geläufig ist. Flott kann das Aufeinandertreffen zweier Mannschaften insbesondere dann vorübergehen, wenn zwei Teams desselben Trainers gegeneinander spielen – dieser wird sich vor Beginn der Partie schon ein Wunschergebnis überlegt und einen kartensparenden Abtausch vorbereitet haben (eine Angriffskarte muss von jedem Team gespielt werden). Einige Karten sind ein wenig auslegungsbedürftig, hier sollten alle eine einigermaßen pragmatische Ader mitbringen und eine einmal vereinbarte Auslegung akzeptieren.

Bis zum Eintritt ins Viertelfinale haben wir auch schon einiges über die Rolle der Schiedsrichter kennengelernt: Das Synonym “Unparteiischer” fällt einem im Zusammenhang mit den Schiedsrichtern dieser gespielten WM selten ein – wann immer man selbst Schiedsrichter ist, liegen die Sympathien meist klar mit einem der beiden Teams, was sich entweder aus den eigenen Wetten oder aus der passenden Bestechung ergibt. Gerne macht man von der eigenen Entscheidungsgewalt Gebrauch – was schonmal die Emotionen hochtreibt! Allgemein sollten die an einer Partie Beteiligten einigemaßen entscheidungsfreudig sein, damit sich die gerade pausierenden Trainer nicht so langweilen müssen. Die Wartezeiten können sonst beträchtlich sein.

Die Ausgangssituationen der Länder sind durch die vorab verteilten Kartenzahlen recht unterschiedlich. Brasilien mit 18 Startkarten, darunter sind zwei starke länderspezifische Sonderkarten (diese erhalten manche Länder in der Startaufstellung – sie werden am Ende einer Partie wieder auf die Hand genommen) und erscheint damit übermächtig gegenüber den anderen Ländern, die maximal 14 Karten erhalten. Dennoch kann auch Brasilien als Favorit mal in der Vorrunde sterben – nach einer total vermurksten Einstiegspartie mit maximalem Würfelpech liess ich die Brasilianer in einer Partie untergehen, was der ebenfalls von mir gespielten Schweiz in derselben Vorrundengruppe mit starken Karten und minimalem Einsatz erst das Weiterkommen und später sogar den Weltmeistertitel ermöglichte!

Das Ganze könnte ob der diversen Problemchen mit Material, Regeldetails etc. bis hierher den Eindruck erweckt haben, dass als abschliessende Bewertung nun ein Verriss kommt. Sorry, damit kann ich nicht dienen (und ein “leider” füge ich dem nicht hinzu) – denn obwohl mich Fußball sonst eher kalt läßt, haben mich die Millionen von Schwalben begeistert. Da ist zum einen die humorvolle und satirische Umsetzung, auch wenn diese mit zunehmender Partienzahl wegen der Wiederholung etwas an Reiz verliert. Ungebrochen ist aber die Emotion, die während der Partien aufkommt – besonders wenn sich die Spieler auf die Atmosphäre einlassen und mit Hilfe der Kartentexte ein spannendes Flair erzeugen. Auf mehr als einem Spielertreffen sind unsere Runden wohl wegen der regen Gefühlsäußerungen aufgefallen. Schlaftabletten, die immer erst umständlich in den Karten ihrer Teams suchen und ewig für eine Entscheidung benötigen, sollte man entweder mit der eigenen Begeisterung anstecken und mitreissen, oder sie bei der nächsten WM nicht mitspielen lassen. Zwar spielt das Glück beim Kartenziehen und Würfeln ordentlich mit, doch lässt sich durch geschickte Wett-Einsätze, gezielte Schiedsrichter-Manipulationen (sei es durch Ausnutzen der Entscheidungsspielräume, wenn man selber pfeift, oder durch Bestechung) und bedachten, ob des stark limitierten Nachschubes gezielten Karten-Einsatz einiger Einfluss nehmen.

Und wer jetzt ein Fazit der Art “ein Spiel, das sicher zur nächsten EM wieder auf den Tisch kommt” erwartet, liegt bei mir leider falsch – um die EMs und WMs dieser Welt schere ich mich offen gesagt nicht so sehr. Zur nächsten Partie Millionen von Schwalben lade ich also bevorzugt deutlich vor 2008 wieder ein.

Kathrin Nos – 10.12.2006

POSTSCRIPTUM:

Bild von Pfotenball

Wir verändern uns. Deshalb ist es an der Zeit eine seit über zwei Jahren offene Frage zu beantworten:

Warum gewinnt unser großer Kater Kopernikus ausgerechnet mit gelben Bällen immer gegen seinen kleinen Bruder Schrödinger beim Pfotenball?

Das ist ganz einfach: Er spielt mehr. Sein Bruder ist zwar schneller und quirliger. Er kommt aber vor lauter Mäuse- und Vogeljagd kaum zum ernsthaften Üben.

Die Möglichkeit mal wieder Millionen von Schwalben auszupacken ist ein beträchtlicher Vorteil der vielen Fußballgroßereignisse. Genaueres über unsere
Bild von 2 von 3 Schiedsrichtern
Prädikat
:
2 von 3 Schiedsrichtern

letzte Partie anlässlich der aktuellen Fußball-Weltmeisterschaft gibt es auf Michaels Blog. Brasilien als Weltmeister war ein sicherer Tipp, da die überragend starken Kolumbianerinnen die Japanerinner locker im Halbfinale besiegten und dabei schon alle verbleibenden Angriffskarten ausspielten. Damit konnte im Finale auch kein Schiedsrichter den Sieg der Brasilianerinnen verhindern. Die Spielerinnen der USA schieden schon in der Vorrunde aus.

Peter Nos

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